Tokio (JAPANMARKT/nd) – Haruki Murakami, der bekannteste Autor Japans, ist am Sonntag 65 Jahre alt geworden. Der Erfolgsautor schafft mit seinen Geschichten einzigartige Welten. Seine merkwürdigen Charakter erleben übernatürliche Ereignissen und innere Abgründe. Im Umfeld seines Geburtstages ist der bisher größte Bestseller von Murakami erschienen. „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ wurde in Japan seit April vergangenen Jahres über 2 Millionen Mal verkauft!

Epos um Freundschaft, Einsamkeit und Schuld

Der junge Tsukuru Tazaki ist Teil einer Clique von fünf Freunden, deren Mitglieder alle eine Farbe im Namen tragen. Nur Tsukuru fällt aus dem Rahmen und empfindet sich – auch im übertragenen Sinne – als farblos, denn anders als seine Freunde hat er keine besonderen Eigenheiten oder Vorlieben, ausgenommen vielleicht ein vages Interesse für Bahnhöfe.

Als er nach der Oberschule die gemeinsame Heimatstadt Nagoya verlässt, um in Tokio zu studieren, tut dies der Freundschaft keinen Abbruch. Zumindest nicht bis zu jenem Sommertag, an dem Tsukuru voller Vorfreude auf die Ferien nach Nagoya zurückkehrt – und herausfindet, dass seine Freunde ihn plötzlich und unerklärlicherweise schneiden.

Erfolglos versucht er wieder und wieder, sie zu erreichen, bis er schließlich einen Anruf erhält: Tsukuru solle sich in Zukunft von ihnen fernhalten, lautet die Botschaft, er wisse schon, warum. Verzweifelt kehrt Tsukuru nach Tokio zurück, wo er ein halbes Jahr am Rande des Selbstmords verbringt.

Viele Jahre später offenbart sich der inzwischen 36-jährige Tsukuru seiner neuen Freundin Sara, die nicht glauben kann, dass er nie versucht hat, der Geschichte auf den Grund zu gehen. Von ihr ermutigt, macht Tsukuru sich auf, um sich den Dämonen seiner Vergangenheit zu stellen.

Literarisches Spiel mit Farben

Farben haben im neuen Murakami-Roman eine große Bedeutung, denn die fünf Freunde repräsentieren vier Farben. „Rotkiefer“, „blaues Meer“, „weiße Wurzel“ und „schwarzes Feld“ lauten die Nachnamen von Tsukuru Tazakis vier Freunden, wenn man sie ins Deutsche überträgt. Aka, Ao, Shiro und Kuro – „Rot“, „Blau“, „Weiß“ und „Schwarz“ – rufen sie sich der Kürze halber untereinander.

„Anfangs stellte sich dem Lektor des Buches und mir die Frage, ob wir die Nachnamen irgendwie eindeutschen könnten, aber schließlich haben wir uns dagegen entschieden“, berichtete die Übersetzerin Ursula Gräfe von den Schwierigkeiten bei der Übertragung aus dem Japanischen: „Schwarzfeld“ wäre ja noch gegangen, aber „Blaumeer“ klingt zu sehr nach „Blaubär“, und überhaupt sind wir ja in Japan.

Weiter tauchen in der Geschichte noch ein schöner junger Mann namens „graues Feld“ und ein mysteriöser Jazzpianist auf, dessen Name „grüner Fluss“ bedeutet. Und mehr wird nicht verraten zum Feuerwerk der Farben, dem unser farbloser Herr Tazaki ausgesetzt ist.

Biografische Daten

Haruki Murakami wurde 1949 in Kyoto, Japan geboren und wuchs in Kobe auf. Nach abgeschlossenem Studium verließ er 1975 die Waseda-Universität in Tokio, wo er anschließend sieben Jahre lang Eigentümer einer kleinen Jazz-Bar war.

Sein erster Roman, „Hear the Wind sing“ (1979), brachte ihm den Gunzou-Förderpreis ein. Zusammen mit „Pinball“, 1973 (1980, beide wurden nur ins Englische übersetzt) und „Wilde Schafsjagd“ (1982, dt. 1991), für den er mit dem Norma-Förderpreis ausgezeichnet wurde, bildet dieser Roman die sogenannte „Trilogie der Ratte“.

Zu Murakamis weiteren Veröffentlichungen zählen „Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt“ (1984, dt. 1995), „Naokos Lächeln“ (1987, dt. 2001), „Tanz mit dem Schafsmann“ (1988, dt. 2002), „Gefährliche Geliebte“ (1992, dt. 2000), „Der Elefant verschwindet“ (1993, dt. 1995) und „Als ich eines Tages im April das 100%ige Mädchen sah“ (dt. 1996).

Von 1991 an lebten Murakami und seine Ehefrau vier Jahre lang in den USA, wo er in Princeton lehrte und den Roman „Mister Aufziehvogel“ verfasste (1994–95, dt. 1998), für den er den Yomiuri-Literaturpreis erhielt.

Viele Literaturpreise

Nach dem Erdbeben von Hanshin und dem Gas-Attentat auf die Tokioter U-Bahn von 1995 kehrte Murakami nach Japan zurück, wo er zunächst Opfer des Attentats und schließlich auch Mitglieder der Aum-Shinrikyo-Sekte interviewte. Die Interviews erschienen in Japan in zwei Bänden; der zweite, „The Place that was promised“ (1998), wurde mit dem Preis der Kuwabara Takeo-Akademie ausgezeichnet. Eine Auswahl aus beiden Büchern wurde 2002 als deutschsprachige Ausgabe unter dem Titel „Untergrundkrieg“ veröffentlicht.

Von Haruki Murakami erschienen seitdem „Sputnik Sweetheart“ (1999, dt. 2002), „Nach dem Beben“ (1997, dt. 2003), „Kafka am Strand“ (2002, dt. 2004), die Kurzgeschichtensammlung „Blinde Weide, schlafende Frau“ (dt. 2006), der Roman „Afterdark“ (dt. 2005) und das Sachbuch „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ (dt. 2007). Zu den jüngsten Veröffentlichungen zählen „1Q84, Buch 1&2″ (dt. 2010) und Buch 3 (dt. 2011) sowie die von Kat Menschik illustrierten Erzählungen „Schlaf“, „Die Bäckereiüberfälle“ und „Die unheimliche Bibliothek“.

Die Neuübersetzung von Murakamis literarischem Durchbruch „Gefährliche Geliebte“ erschien 2013 unter dem neuen Titel „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“.
Zu den Preisen, die Murakami in jüngerer Zeit erhielt, gehören der Frank O’Connor Internationale Kurzgeschichtenpreis (Irland, 2006) der Franz-Kafka-Preis (Tschechien, 2006) und der Asahi-Preis (Japan, 2006).

Zudem hat Murakami Werke diverser amerikanischer Autoren ins Japanische übertragen, darunter Bücher von F. Scott Fitzgerald, Raymond Carver, John Irving und Raymond Chandler. Seine eigenen Werke wurden bislang in mehr als vierzig Sprachen übersetzt. Murakami wird seit Jahren als heißer Anwärter auf den Nobelpreis für Literatur gehandelt

Das neue Buch

Haruki Murakami
Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki
Roman
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
ca. 350 Seiten, Hardcover
H21,0 x B13,5 cm

Originaltitel: Shikisaki wo motanai Tazaki Tsukuru to kare no junrei no toshi
Originalverlag: Bungei Shunju, 2013
EUR 22,99 [D] / 32,90 sFr.
Datum der geplanten Veröffentlichung: 10.01.2014
ISBN 978-3-8321-9748-3

Foto: japanliteratur.net (oben); Murakami-Buch in der Druckerei (Dumont-Verlag)