Tokio (JAPANMARKT/pb) – Absicht oder Zufall? Ausgerechnet am Vorabend des Jahrestages der Dreifach-Katastrophe vom 11. März 2011 hat Premierminister Shinzo Abe den Neustart aller Reaktoren angekündigt, die von der japanischen Atomaufsicht für sicher erklärt worden sind. Die Rufe nach „Genpatsu zero“ (Null Atomkraft) von Tausenden von Demonstration am Sonntag im Hibiya-Park in der Hauptstadt Tokio verhallten. Denn die Regierung gibt dem wirtschaftlichen Aufschwung Vorrang. Auch immer mehr Wähler meinen, Japan könne sich eine schnelle Energiewende mit Atomausstieg nicht leisten. Allerdings hat allein die Nachrüstung bestehender Atommeiler bald 10 Milliarden Euro gekostet.

Vorbereitungen für Neustarts

Hunderte von Ingenieuren der Stromversorger kampieren seit dem vergangenen Sommer in Unterkünften nahe der neuen „Nuclear Regulatory Authority“ (NRA). Gemeinsam mit den Herstellern müssen die Firmenvertreter der Atomaufsicht nachweisen, dass 17 Reaktoren, für die eine Wiederinbetriebnahme beantragt wurde, die deutlich verschärften Sicherheitsauflagen erfüllen. Dafür müssen die AKW-Betreiber mehrfach gestaffelte Systeme aufbauen, damit sich ihre Kraftwerke auch nach einem Tsunami oder Erdbeben noch kontrollieren und steuern lassen. Alle 48 Reaktoren sind derzeit abgeschaltet. Vor der Katastrophe von Fukushima im März 2011 stammte rund 30 Prozent des Stroms aus der Kernspaltung.

Ausgerechnet am Vorabend des dritten Jahrestags der Katastrophe kündigte Regierungschef Shinzo Abe die Rückkehr zur Atomenergie ganz offiziell an. Wohlkalkuliert sollen nur für sicher erklärte Atommeiler in Betrieb genommen werden. Abe verzichtete auch darauf, den Bau neuer Anlagen oder die Vollendung von drei begonnenen AKW-Projekten zu bekräftigen. Ende März will das Kabinett durch die Verabschiedung des neuen Energieplans die Nuklearenergie als zentralen Baustein der Stromversorgung festschreiben (JAPANMARKT Online berichtete).

Proteste verlaufen im Sande

Am Wochenende vor dem dritten Jahrestag der Atomkatastrophe forderten zwar wieder einmal Tausende Menschen in Japan ein Ende der Atomkraft. In Tokio protestierten sie in einem Park und liefen dann zum Parlament. Aber die Demonstrationen sind lange nicht mehr so gut besucht wie kurz nach der Katastrophe. Die Regierung hat das als „Atomdorf“ bezeichnete Machtkartell aus Beamten, Versorgern, Politikern und Forschern wiederauferstehen lassen. Denn die auf Wachstum ausgerichtete Wirtschaftspolitik von Abe, bekannt als „Abenomics“, kann bei einem Verzicht auf die alle Atommeiler nicht funktionieren.

Vor dem Fukushima-Unfall gehörte Nippon mit einem jährlichen Handelsüberschuss zu den größten Exportnationen. Doch durch den gesteigerten Import der fossilen Ersatzbrennstoffe entstand im vergangenen Jahr ein Handelsdefizit von 82 Milliarden Euro. Damit wächst die Gefahr, dass Japan von ausländischem Kapital abhängig wird, um seine hohe Verschuldung zu finanzieren. Außerdem hat der Umstieg auf teure Importenergie zusammen mit der Abwertung des Yen die Strompreise erhöht.

„Ohne die Aussicht auf eine stabile Stromversorgung werden die japanischen Firmen nicht in Japan, sondern in Asien investieren“, meint Kathy Matsui, Japan-Chefin von Goldman Sachs. Außerdem strebt Regierungschef Abe danach, japanische Atomanlagen und Nukleartechnologie zu exportieren. Japan könne die weltweit höchsten Sicherheitsstandards bieten, weil man aus Fukushima gelernt habe, erklärte der Regierungschef. Seit seinem Amtsantritt führte er bereits Verhandlungen mit Vietnam, Tschechien, Polen und der Türkei.

Foto: Premierminister Shinzo Abe kündigt Neustarts an (Kantei)