Tokio (JAPANMARKT) – Wenn es nur nach den Kapitalmärkten ginge, müsste Japan eigentlich mitten in einem Aufschwung stecken: Zwischen Oktober 2012 und Januar 2014 wertete der Yen im Vergleich zum Dollar um 24 Prozent ab, real um 20 Prozent. Gleichzeitig verzeichnet die japanische Börse einen Boom. Die im Februar gefällte Entscheidung der Notenbank, die lockere Geldpolitik fortzusetzen, ließ den Nikkei um mehr als 3 Prozent in die Höhe schnellen. Tatsache ist jedoch, dass die japanische Regierung für 2013 ein Rekorddefizit in der Handelsbilanz einräumen musste und die Entwicklung der Exporte enttäuschte. Die Abwertung des Yen hat sich bislang deutlich weniger positiv auf die Entwicklung der Exporte ausgewirkt als gehofft. Eine Analyse von Jeremy Lawson, Chefvolkswirt von Standard Life Investments, mit einem verwalteten Vermögen von mehr als 200 Milliarden Euro eines der großen Investmenthäuser Europas.

Atypische Exportentwicklung

Richtig ist, dass sich die Industrieproduktion auch auf globaler Ebene im vergangenen Jahr zunächst unterdurchschnittlich entwickelte; jetzt scheint sie aber Fahrt aufzunehmen. Verschiedene Modellrechnungen deuten jedoch darauf hin, dass sich die Reaktionsfähigkeit der japanischen Exporte auf globales Wachstum und den Währungskurs auf einem langfristigen Abwärtstrend befindet. Dies wird auch durch die Entwicklung der Exportmarktanteile der weltweit größten Volkswirtschaften untermauert.

Seit dem Höchststand im Jahr 1988 hat Japans Anteil am globalen Warenexport von 9,2 auf 4,3 Prozent abgenommen. In den vergangenen zehn Jahren hat das Land fast in jedem Jahr Marktanteile verloren. Zwar muss bei dieser Entwicklung der Aufstieg Chinas berücksichtigt werden, das seinen Anteil im selben Zeitraum von 1,7 Prozent auf 11,1 Prozent steigern konnte. Fakt bleibt aber, dass Japan größere Marktanteile verloren hat als jedes andere G 20-Land.

Japan weniger wettbewerbsfähig

Das Ergebnis sieht noch schlechter aus, wenn man die Abwertung des realen effektiven Wechselkurses bedenkt – in den letzten zwei Jahrzehnten betrug sie fast ein Viertel. Die Wettbewerbsfähigkeit japanischer Firmen in den Exportmärkten scheint also so stark abgenommen zu haben, dass nun ein noch deutlicheres Absinken des Währungskurses nötig ist, um eine Verbesserung des Exportwachstums zu erreichen. Die Beschleunigung des globalen Exportwachstums sollte im kommenden Jahr zwar auch ein stärkeres Exportwachstum in Japan erzeugen. Allerdings werden die Auswirkungen gedämpfter ausfallen als allgemein erwartet.

Aushöhlung der Kapazitäten

Alles deutet also darauf hin, dass Japans aktuelle Probleme ihren Ursprung in langfristigen strukturellen Fehlentwicklungen haben. Eine Erklärung für die verminderte Reaktion japanischer Exportvolumina auf Währungsbewegungen und globales Wachstum ist die Aushöhlung inländischer Produktionskapazitäten. In den letzten zwei Jahrzehnten haben japanische Firmen den Anteil ihrer Produktion in ausländischen Märkten deutlich erhöht: Seit dem Platzen der Vermögenspreis- und Kreditblase in den späten 1980er Jahren ist der japanische Binnenmarkt nur noch wenig gewachsen, und anderswo gab es günstigere regulatorische und steuerliche Regime; immerhin liegt die Körperschaftssteuer in Japan bei 39,5 Prozent – weit höher als im OECD-Durchschnitt.

Gehemmte Entwicklung

Die Entwicklung der inländischen Produktionskapazitäten ist allerdings nur ein Teil des Puzzles. Schließlich hat sich der Produktionsanteil in Übersee zwischen 2008 und 2012 stabilisiert, obwohl Japans Exportanteil weiter fiel. Auch hätten das schwache inländische Wachstum und die Stärke des Yen den Anreiz weiter erhöhen müssen, sich in Übersee niederzulassen. Dies ist ein weiterer Beweis dafür, dass tieferliegende binnenländische strukturelle Kräfte die Leistung japanischer Firmen belasten – unabhängig davon, ob sie im In- oder Ausland niedergelassen sind.

Weniger Exporte bei Autos und Elektronik

Aufschlussreich ist hier die Betrachtung von zwei der wichtigsten japanischen Export-Sektoren: Transportausrüstungen – was die Autoindustrie einschließt – und Elektrogeräte. Die Exportvolumina beider Sektoren haben sich seit der starken Abwertung des Yen nur leicht verbessert. Während die Verkäufe elektrischer Maschinen in Übersee gleichlaufend zu den Exporten generell seit 2008 gefallen sind, weist der Transportsektor eine gegenteilige Entwicklung auf. Verkäufe in Übersee sind hier relativ zu den übrigen Exporten stark angestiegen.

Wenn die Stärke des Yen und das schwache relative Wachstum in Japan die entscheidenden Gründe für den Niedergang der Exportanteile in den beiden Sektoren wären, sollten nicht auch ähnliche Zuwächse in Produktion und Verkauf in Übersee zu verzeichnen sein? Dass dem nicht so ist, weist darauf hin, dass es eben nicht nur Preisfaktoren sind, die die Entwicklung japanischer Firmen in wichtigen Sektoren hemmen.

Dies bedeutet gleichzeitig, dass eine weitere Absenkung des realen Wechselkurses nur eine temporäre Linderung brächte und potenziell weiteres Ungleichgewicht in der nationalen und internationalen Wirtschaft verursachen könnte. Darüber hinaus würde eine zusätzliche Schwächung des Yen die bereits jetzt zu hohen Energiepreise ansteigen lassen und die Kaufkraft inländischer Firmen und Konsumenten schwächen. Japan würde zudem noch mehr Deflation exportieren – eine unwillkommene Entwicklung in einer Welt, in der die Inflation schon jetzt zu niedrig ist.

Strukturelle Reformen notwendig

Ein effektiverer Weg, um der japanischen Exportschwäche zu begegnen, sind weitreichende strukturelle Reformen. Solche Reformen würden nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit nachhaltiger erhöhen als eine weitere Währungsabwertung, sie würden außerdem das Wachstum der inländischen Wirtschaft fördern. Um eine nachhaltige Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit zu erreichen, muss die Geschwindigkeit der Produkt- und Prozessinnovation in der Wirtschaft erhöht werden. Die Wachstumsstrategie der japanischen Regierung beinhaltet hierzu unter anderem Pläne, um Geschäftsgründungen zu fördern – Unternehmer müssen jetzt keine persönlichen Garantien mehr bereitstellen, um Geld für Start-ups einzusammeln. Zudem soll mehr Venture-kapital für neugegründete Unternehmen bereitgestellt werden.

Firmenanreize sinnvoller

Diese Maßnahmen werden vermutlich aber nicht ausreichen. Zielführender wäre es, japanischen Firmen Anreize zu bieten, unprofitable Geschäftsbereiche zu schließen, die Anlagenrendite zu erhöhen und die Fehlallokation von Kapital zu bestrafen. Dazu muss die Transparenz von Unternehmensberichten verbessert und die Effizienz der Kapitalmärkte gefördert werden.

Zudem muss angestrebt werden, externe Direktoren als Pflichtvoraussetzung für börsennotierte Unternehmen einzuführen. Die aktuell vorgeschlagene Neuregelung des Aktiengesetzes ist hier unzureichend und unterstreicht den tief verwurzelten Widerstand gegen größere Transparenz in japanischen Vorstandsetagen.

Über die genannten Änderungen hinaus besteht die Notwendigkeit für produktivere Forschung und Entwicklung und einen effizienteren Einsatz der Erwerbstätigen, inklusive einer neuen Immigrationspolitik. Genannt werden muss auch die Entwicklung einer stabileren Energieversorgung, die fähig ist, sowohl Umwelt- als auch Preisschocks zu widerstehen.

Abes Agenda

Die Märkte erwarten jedoch – wie die Konsensschätzungen nahelegen – nun einfach eine weitere Abwertung des Yen, die Japans externe Wettbewerbsfähigkeit verbessern soll. Auch in japanischen Aktien engagierte Investoren scheinen zu erwarten, dass die „inverse Korrelation“ – also das Steigen der Aktienkurse bei gleichzeitigem Fall des Yen, was seit dem Ende 2011 zu beobachten ist – weiter fortbesteht.

Wir sind jedoch der Meinung, dass es umfassenderer struktureller Reformen – Änderungen des Steuersystems, der Organisation des Arbeitsmarktes, der Innovationsförderung, der Produktmarktregulierungen sowie der Corporate Governance – bedarf. Wenn die Umsetzung von Strukturreformen, die sogenannte „Third-Arrow-Agenda“, durch Japans Ministerpräsident Shinzo Abe weiterhin so enttäuschend verläuft, ist es unwahrscheinlich, dass der langfristige Rückgang der japanischen Exportmarktanteile umgekehrt werden kann – unabhängig von der zukünftigen Entwicklung der Währung. So wird die heilsame Wirkung der schwachen Währung irgendwann nachlassen und japanische Aktien werden am Ende underperformen.

Foto: flickr/Stuck in Customs