Tokio (JAPANMARKT/pb) – Seit Monaten rätseln Analysten, ob die japanischen Firmen tatsächlich zum Frühjahr erstmals die Lohndeflation der letzten sechs Jahre beenden und die Grundgehälter anheben. Denn angesichts einer Inflationsrate von 1,4 Prozent und der bevorstehenden drastischen Erhöhung der Verbrauchssteuer um drei Punkte auf 8 Prozent droht den Konsumenten ohne steigende Löhne ein dramatischer Verlust ihrer Kaufkraft. Doch die Regierung hat Grund zum Jubeln.

Drohender Kaufkraftverlust

Seit Monaten hatte Premierminister Shinzo Abe in teilweise persönlichen Gesprächen mit den Industriebossen dazu gedrängt, als Ausgleich für die gestiegenen Preise im April ihre Basislöhne anzuheben. Ansonsten könnten fallende Reallöhne den Aufschwung abwürgen. Wirtschaftsminister Akira Amari warnte die Firmen sogar vor Sanktionen, da die Regierung die Ertragssteuer der Unternehmen gesenkt hat.

Aber der Druck hat gewirkt: Bei den diesjährigen Tarifverhandlungen, die am Mittwoch zu Ende gingen, haben sich viele Konzerne mit ihren Gewerkschaften auf die erste Anhebung der Grundgehälter seit 2008 verständigt. Auch die Bonus-Zahlungen, die bis zu ein Viertel des Jahresgehalts ausmachen, werden erhöht. Doch aus Sicht der Regierung und von Ökonomen ist die vereinbarte Anhebung der Basisentgelte bedeutsamer, weil sie sich nicht so leicht kürzen lassen wie ein Bonus.

Toyota geht voran

Konkret stimmte Japans größtes Privatunternehmen Toyota einer Lohnerhöhung um durchschnittlich 2 700 Yen (19 Euro) zu. Das entspricht 0,8 Prozent des Durchschnittsgehalts, liegt allerdings unter der Forderung von 4 000 Yen. Zudem bewilligte Toyota eine Anhebung der altersbedingten Lohnsprünge um 7 300 Yen. Unterm Strich steigen die Grundgehälter um 2,9 Prozent. Den Grundlohn hatte Toyota zuletzt 2008 um 1 000 Yen pro Monat erhöht. Nissan stimmte 3 500 Yen und Honda 2 200 Yen mehr Lohn zu. Die Angestellten von Toshiba verdienen künftig 1 000 bis 2 000 Yen pro Monat mehr.

Anders als in der Vergangenheit werden solche Lohnschritte von der restlichen Wirtschaft aber nicht nachvollzogen. Nur jeder fünfte Japaner ist in einer Gewerkschaft und kommt in den Genuss der ausgehandelten Steigerungen. Sogar Konzerne wie die Autobauer Suzuki und Daihatsu verweigerten jeden Zuwachs. 40 Prozent der Erwerbstätigen sind auf Zeit oder nicht mit voller Stundenzahl beschäftigt und verdienen im Schnitt weniger als die Hälfte der Festangestellten.

Kleine Firmen ohne Spielraum

Nur in einigen Branchen wie Bau und Restaurants wachsen die Einkommen infolge von Arbeitsverknappung. Auch die Mehrheit der kleinen Firmen wird die Löhne ihrer Mitarbeiter nicht erhöhen. Sie verarbeiten oft importierte Waren, deren Preise durch die Yen-Abwertung gestiegen sind. Wegen der scharfen Konkurrenz wollen sie ihre Verkaufspreise nicht erhöhen, so dass kein Spielraum für ein Lohnplus bleibt.

Daher sagt Masaaki Kanno, Chefökonom von JP Morgan Japan, für 2014 den höchsten realen Gehaltsverlust von 1,4 % seit 24 Jahren vorher. Eine wachsende Zahl von Ökonomen erwartet einen Einbruch des Verbrauchervertrauens nach April. Der bisher starke Binnenkonsum als wichtigster Stützpfeiler für den Aufschwung droht wegzubrechen. Damit steht die Wirtschaftspolitik der Abenomics wohl or ihrer größten Bewährungsprobe.

Foto: Rainbow-Brücke mit Odaiba/Tokio (flickr/sprengben)