Tokio (CNC Japan/JAPANMARKT) – Deutschland und Japan sind beide stark im Maschinenbau und der Produktion. Beide Nationen können ihre globale Wettbewerbsfähigkeit jedoch nur durch ständige Innovationen und die Einführung neuer Technologien erhalten. Jetzt ist Deutschland bei der nächsten industriellen Erneuerung vorgeprescht, die unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ bekannt wurde. Will Japan bei dieser Entwicklung mithalten, müssen seine Unternehmen auch bisher vorteilhafte kulturelle und organisatorische Eigenheiten überwinden, meint Jochen Legewie.

Starke deutsche Stellung

Von Jochen Legewie, CNC Japan

Bei einem Treffen hinter geschlossenen Türen im vergangenen Monat sprach der Vorstandschef eines der größten Industriekonzerne Japans zur globalen Strategie seines Unternehmens. Bemerkenswerterweise verwandte er 20 Prozent seiner Zeit auf das Lob deutscher Unternehmen, angefangen von traditionellen Schwergewichten wie Siemens und ThyssenKrupp bis hin zu jüngeren Firmen wie SAP und Infineon.

Der japanische CEO fokussierte insbesondere auf die starke Stellung dieser und anderer deutscher Firmen im Zusammenhang mit dem Begriff Industrie 4.0, der in Verbindung mit der sog. vierten industriellen Revolution verwandt wird. Industrie 4.0 wurde zuerst auf der Hannover-Messe 2011 als eigener Ausdruck benutzt und wurde seitdem schnell zu einem Pfeiler der industriellen High-Tech-Strategie der deutschen Bundesregierung.

Einfach ausgedrückt, geht es bei Industrie 4.0 darum, traditionelle Produktionsverfahren zu computerisieren und eine „smarte“ Fabrik zu kreieren. Die universelle Digitalisierung verbindet alle produktiven Einheiten in einer Wirtschaft und integriert die Produktion von Zulieferern, Kunden und Geschäftspartnern. Cyper-physikalische Systeme und eine wachsende Nutzung des Internets stellen diese Transaktionen auf eine technologische Basis.

Bedeutungsvoller Trend

Dieser neue industrielle Trend hat eine enorme Bedeutung für Japan, da seine Wirtschaft von einem starken produzierenden Sektor abhängig ist – ganz ähnlich wie Deutschland. Daher ist es keine große Überraschung, dass japanische Unternehmen sehr aufmerksam nach Deutschland blicken.

Im vergangenen Herbst besuchte eine hochrangige Wirtschaftsdelegation deutsche Blue-Chip-Firmen wie Bosch und BASF, um zu studieren, wie deutsche Unternehmen ihre Innovationsfähigkeit steigern. Im Januar 2014 veröffentlichte die Wirtschaftszeitung Nikkei einen größeren Artikel unter der Überschrift „Deutschlands 4. Industrielle Revolution“, die das Interesse an Industrie 4.0 anfachte und eine Lawine von Nachfolge-Artikeln auslöste.

Modularisierungsstrategie

Das Interesse in Japan überlagert sich mit ähnlichen Trends aus Deutschland. So folgt die japanische Autoindustrie in ihren Modularisierungsstrategien dem deutschen Vorbild Volkswagen. Seit dem Ende der diesjährigen Hannover-Messe bin ich persönlich von verschiedenen japanischen Wirtschaftsjournalisten zu Industrie 4.0 und ihrer Entwicklung in Deutschland befragt worden. Ihre Schlussfolgerung lässt sich auf dieselbe Formel bringen, die auch der erwähnte Vorstandschef im letzten Monat zog: „Sehr interessant, aber auch sehr bedrohlich für japanische Firmen.“

Dieses Fazit macht tatsächlich viel Sinn. Japanische Produzenten besetzten führende Technologien und kontrollieren große Marktanteile in vielen Branchen. Doch ihre Dominanz beruht oft auf selbstentwickelten Technologien und einem Black-Box-Ansatz, der in der Vergangenheit den Technlogieabfluß erfolgreich begrenzte. Die Mehrheit der japanischen Hersteller arbeitet immer noch in einem weltweiten Management-System, dass sich stark auf die japanische Zentrale und japanische Expats in den Auslandsorganisationen verlässt.

Netzwerke gefragt

Dagegen sind bei Industrie 4.0 Netzwerke und Verbindungen gefragt. Hard- und Software sind verlinkt, die funktionsübergreifende Arbeit von Maschinen aber eben auch Menschen über physikalische, kulturelle und mentale Grenzen hinweg muß koordiniert werden. Kollaboration und interkulturelle Kompetenzen sind für diese neue Netzwerk-Umgebung notwendig, die auf dem Teilen von Informationen beruht.

Japan ist vermutlich im Bereich der Automation und Robotik das am meisten fortgeschrittene Land. Doch seine Unternehmen tun sich schwer, diese Stärken mit den notwendigen „soft skills“ zu kombinieren, insbesondere auf globaler Eberne. Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist in Japan außerhalb der geschlossenen Netzwerke von Firmengruppen immer noch selten. Das gilt trotz einiger bekannter Ausnahmen auch weiterhin.

Hannover-Messe im April

Bei der Hannover-Messe in diesem April verwiesen Industrieexperten auf Südkorea und Singapur als die asiatischen Länder, die am besten darauf vorbereitet sind, bei der Umsetzung der Industrie 4.0 eine führende Rolle zu spielen. Angesichts der Offenheit dieser Volkswirtschaften überrascht diese Einschätzung nicht. Japanischen Firmen wird diese Fähigkeit von vielen Beobachtern nicht zugetraut.

Japan ist immer noch ein industrielles Schwergewicht, und japanische Produzenten haben ihre Fähigkeit zur Anpassung und zur Bewahrung ihres technologischen Vorsprungs immer wieder erfolgreich unter Beweis gestellt. Bis heute schicken führende deutsche Automobilhersteller aber auch Firmen anderer Industrien ihre Ingenieure und Manager auf wochenlange Studienreisen und Kaizen-Workshops nach Japan. Das Ziel: ein verstärktes Studium der modernen Produktionsmethoden japanischer Unternehmen und ihres kontinuierlichen Verbesserungsprozesses (kaizen).

Erweiterung von „monozukuri“

Ein Unternehmen in Yokohama hat gerade eine Pilotfabrik gebaut, in denen humanoide Roboter 80 Prozent der Arbeitsbelastung der Menschen übernehmen, wie eine Studie von Roland Berger zu Industrie 4.0 erwähnt. Tatsächlich haben japanische Firmen sicher das Potential, vom aktuellen Industrietrend zu profitieren und ihn zu ihrem eigenen Vorteil zu benutzen.

Dies bedeutet aber auch, den traditionellen Fokus auf monozukuri (das Herstellen von Sachen) aktiv zu überdenken, d.h. zu erweitern. Mehr Zusammenarbeit mit Firmen von anderen Industrien und anderen Ländern sind nicht nur eine Option, sondern essentiell. Existierende und zukünftige Wettbewerber kommen nicht nur aus Deutschland oder unter dem Arbeitstitel „Industrie 4.0“. Der Begriff an sich mag sogar verschwinden – die spezifischen Herausforderungen für Japan aber sicher nicht.

Auf jeden Fall sollte man davon ausgehen, dass in den Vorstandsetagen der japanischen Produzenten die soeben erfolgte Neuorganisation von Siemens zur Kenntnis genommen wurde. Am 7. Mai verkündete Siemens, sich entlang drei Wachstumstrends zu organisieren: Elektrifizierung, Automation und Digitalisierung einschließlich einer eigenen Sparte unter dem Namen „Digitale Fabrik“. Es bleibt spannend im deutsch-japanischen Industrieverhältnis.

Jochen Legewie ist Präsident der Unternehmens- und Kommunikationsberatung CNC Japan.

Dieser Text erschien zuerst auf Englisch in der Japan Times vom 11. Mai 2014.

Foto: Roboter von Fanuc