Tokio (JAPANMARKT/mf) – Der Shinkansen gehört zu Japan wie Kirschblüten und Sushi. Dabei debütierte die Mutter aller Superschnellbahnen erst vor 50 Jahren zu Olympia 1964 in Tokio. Wenn die eleganten Züge mit ihren windschnittigen Schnauzen wie metallene Schlangen in den Bahnhof gleiten, schlägt das Herz jedes Reisenden fasziniert höher. Offizieller Geburtstag ist der 1. Oktober.

Erfolgsgeheimnis der Effizienz

In fünfzig Jahren Betrieb wurden über 10 Milliarden Passagiere auf sechs Strecken mit inzwischen 2.400 Kilometern befördert. Allein auf der 553 Kilometer langen Trasse zwischen den Metropolen Tokio und Osaka pendeln täglich 400.000 Passagiere in 323 Zügen zu Stoßzeiten im Abstand von drei Minuten – und das trotz einer vorgeschriebenen Tempodrosselung in den Stadtgebieten mit einer durchschnittlichen (!) Geschwindigkeit von  206 Kilometer pro Stunde (bei der schnellsten Variante, dem Nozomi).

Bei aller Bewunderung darf man das Erfolgsgeheimnis dieser Effizienz nicht aus den Augen verlieren: Shinkansen bedeutet „neue Hauptstrecke“. Die Züge verkehren nämlich auf einem separaten Gleisnetz mit eigenen Bahnhöfen. In den dichtbebauten japanischen Städten rollen sie daher meist auf hochgestellten, fast kurvenlosen Betontrassen.Nah-, Fern- und Güterverkehr stören den Betrieb nicht. Das erklärt die legendäre Pünktlichkeit: Die durchschnittliche Verspätung auf der am meisten befahrenen Strecke beträgt 36 Sekunden.

Dazu kommt die aufwändige Wartung. Alle zehn Tage vermessen mit Computern vollgepackte Kontrollzüge bei Tempo 270 die Gleise. Jede Nacht zwischen Mitternacht und 6 Uhr werden die Doppeltrassen ausgebessert. In 50 Jahren entgleisten nur zwei Züge. Bei dem einzigen tödlichen Zwischenfall wurde ein Passagier in der Tür eingeklemmt und mitgeschleift.

Sicherheit hat Vorrang

Beim Mega-Erdbeben vor drei Jahren lösten seismische Sensoren die Notbremsungen so frühzeitig aus, dass die meisten Züge schon standen, bevor die schwersten Erschütterungen einsetzten. Der Shinkansen fährt ohnehin vollautomatisch: Als einmal ein Fahrer einnickte, hielt der Zug bis auf wenige Meter genau selbständig im nächsten Bahnhof an.

Die aufwändige Bauweise hat jedoch ihren Preis: Die Streckenkosten sind so hoch, dass die Staatsbahn darüber 1987 insolvent wurde. Eine Fahrkarte ist pro Kilometer gerechnet zwar etwas günstiger als der Normalpreis bei der Deutschen Bahn, aber es gibt keine Sonderangebote.

Der Service ist gut: Alle Sitze in Fahrtrichtung, die Toiletten sauber, der Schaffner verbeugt sich. Aber der Komfort ist klein – schmale Sitze, enge Gänge, kleine Gepäckablagen. Der Shinkansen ist eben ein Massenverkehrsmittel.

Foto: Shinkansen im Bahnhof (flickr/Antonio Tajuelo)