Tokio (JAPANMARKT/mf) – Japans Popmusik trotzt dem globalen Trend von der CD zum digitalen Download. Doch die Gründe haben nichts mit der Technik zu tun, sondern wie Musik in Japan vermarktet wird. Das klarste Beispiel liefert die Mädchen-Gruppe AKB 48. Hier werden nicht Popsongs verkauft, sondern Stars zum Anfassen.

Weltrekord für Werbeauftritte

Die 20-Jährige und ihre Kolleginnen sind populärer als alle Politiker. Google Japan zeigt 47 Millionen Treffer für AKB 48 an. Praktisch jede Single schafft es an der Chartspitze. Mit CDs und DVDs setzt die Band jährlich 160 Millionen Euro um. AKB 48 hat eine eigene Manga-Serie und Fernsehshow. Marken von Google bis Shiseido werben mit den Mädchen.

Egal ob sie den „Herz-BH“ von Japans Dessous-Hersteller Peach oder den Dosenkaffee Wonda von Asahi promoten – der Umsatz zieht an. Im Guinness Buch der Rekorde steht AKB 48 mit dem Eintrag für das meisten Auftritte in TV-Werbespots an einem einzigen Tag – 90 Stück. Die Post widmete der Gruppe eine Briefmarke. Experten sprechen von 360-Grad-Marketing.

Fehlender Mut zur Beziehung

Jeden Nachmittag tritt die Band in ihrem eigenen Klub im 8. Stock eines Hochhauses in Akihabara auf. AKB steht für den Tokioter Stadtteil, 48 als Chiffre für das Projekt. Auch an diesem Tag spulen 18 Teenager in rüschigen Röcken und mit bunten Schleifchen im Haar ihr Programm von sopranhohen J-Pop-Melodien und orchestrierten Tanzbewegungen ab. „Ich will Dich, ich brauche Dich, ich liebe Dich“, singen sie.

Vor der Video-Leinwand draußen singen Hunderte junge Leute und mittelalte Angestellte im Anzug mit. Akihabara ist berühmt für Elektronikgeschäfte und die Subkultur der Otaku. Dieser japanische Ausdruck bezeichnet extreme Fans und Sammler vor allem von Manga, Anime und Videospielen. Diesen Männern wird oft fehlender Mut für eine Liebesbeziehung zum anderen Geschlecht nachgesagt. In diesem Umfeld ist AKB 48 groß geworden.

Pop-Idole zum Anfassen

Das Erfolgsgeheimnis bestehe darin, dass die Sängerinnen „Pop-Idole zum Anfassen“ seien, erklärt ihr Produzent Yasushi Akimoto. Während normale Popgruppen erst nach dem Proben und Üben aufträten, seien AKB 48 unfertig. „Bei dieser Band können die Fans die Fortschritte miterleben“, betont der 58-jährige in Interviews. Die Mädchen werden bei Talentwettbewerben ausgesucht und entwickeln sich danach vor Publikum von Amateuren zu Show-Profis. Die Fans können sich ihren Liebling ganz früh aussuchen und das Mädchen auf dem Weg nach oben begleiten und unterstützen, etwa bei der jährlichen Wahl der beliebtesten Sängerin.

Für den Wahlzettel müssen sie jedoch die aktuelle CD kaufen. Manche erwerben angeblich Hunderte von CDs, um die Wahl zugunsten ihres Mädchens zu beeinflussen. Stückpreis: 9 Euro. Über den Kauf einer CD nehmen ihre Anhänger auch an Verlosungen für „Handshake“-Treffen nach den Konzerten teil. Dort können die Fans dann ihre Idole „anfassen“ und mit ihnen ein Selfie schießen. AKB 48 zeigt, wie Musikvermarktung in Japan funktioniert.

Foto: Cover der neuen CD von AKB 48 (King Records)