Tokio (JAPANMARKT/mf) – Wie fällt der Konjunkturausblick auf 2015 aus? Im neuen Jahr steht die radikale Wirtschaftspolitik der Abenomics vor einer schweren Bewährungsprobe: Denn der soeben im Amt bestätigte Premierminister Shinzo Abe muss beweisen, dass seine Strategie zur Überwindung der Deflation wirklich funktioniert.

Überwindung der Deflation

Das alles bestimmende Ziel von Regierung und Notenbank bleibt die dauerhafte Überwindung der Deflation, die die drittgrößte Volkswirtschaft seit anderthalb Jahrzehnten schwächt. Die Bank of Japan wird daher weiter extrem viele Staatsanleihen kaufen, um ihr Inflationsziel von 2 Prozent zu erreichen.

2014 ist diese Rechnung nur halb aufgegangen. Die Verbraucherpreise legten zwar erstmals in diesem Jahrhundert über einen längeren Zeitraum zu, weil die expansive Geldpolitik den Yen schwächte und dadurch importierte Waren verteuerte. Löhne und Gehälter stiegen erstmals seit 2008 wieder.

Doch die kräftige Anhebung der Mehrwertsteuer im April trieb die Preise so hoch, dass die realen Einkommen sanken und die Haushalte sparten. Eine Mini-Rezession folgte. Unterm Strich verzeichnete Japan eine Stagflation, also eine stagnierende Wirtschaftsleistung bei steigenden Preisen.

Wegen dieser Erfahrung hat die Regierung Abe die geplante zweite Erhöhung der Mehrwertsteuer um anderthalb Jahre auf Frühjahr 2017 verschoben. Ohne dieses Damoklesschwert über der Konjunktur ist die Bahn für eine Erholung des Konsums frei. Daher rechnen viele Ökonomen für das neue Jahr mit einem realen Wachstum von bis zu 1,5 Prozent. Das bedeutet, dass der Aufschwung wohl schon eingesetzt hat.

Inflation soll Verhalten ändern

Die entscheidende Frage ist jedoch, ob die Löhne und Gehälter und die Produktivität schneller als die Inflation steigen. Bei einer Arbeitslosenquote von 3,5 Prozent und einem Überhang an Stellenangeboten herrscht in Japan de facto Vollbeschäftigung. Das sollte Löhne und Gehälter treiben und zu einem positiven Kreislauf aus höherem Konsum und damit Gewinnen, dann steigenden Investitionen und wiederum wachsendem Konsum und Einkommen in Gang setzen.

Im idealen Szenario von Notenbank-Chef Haruhiko Kuroda wird sich das wirtschaftliche Verhalten in Japan durch die Rückkehr der Inflation von Grund auf verändern: Angesichts der Geldentwertung werden die Bürger ihr Bargeld in den Konsum stecken und die Firmen ihre Reserven von umgerechnet 1.400 Milliarden Euro in Kapitalausgaben und Löhne investieren.

Würden diese privaten Überschüsse in die Wirtschaft fließen, könnte die Regierung ihr massives Haushaltsdefizit und damit auch die Verschuldung schrumpfen. Konsumbremsende Steuererhöhungen wären nicht mehr notwendig.

Foto: flickr/Glenn Waters