Tokio (JAPANMARKT/pb) – Bundeskanzlerin Angela Merkel besucht am Montag und Dienstag Japan. Auch eine 10-köpfige Wirtschafsdelegation kommt mit, darunter die Vorstandschefs der Commerzbank, von Bayer, Trumpf, Merck und Freudenberg. Zu diesem Anlass machte die deutsche Außenhandelskammer in Tokio auf aktuelle Trends in den wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Japan aufmerksam, die bisher wenig beachtet wurden.

Vielschichtige Wirtschaftsbeziehungen

Spreche man heute über die japanische Wirtschaft, sei allerorts von „Abenomics“ die Rede, teilte die AHK Japan mit. Deren Geld- und Fiskalpolitik habe zweifellos weltweite Aufmerksamkeit erweckt. Die ebenso versprochenen Strukturreformen seien bislang jedoch größtenteils vage Ankündigungen geblieben und beträfen die Mehrzahl deutscher Unternehmen eher nur indirekt.

Umso erstaunlicher sei es, erklärte die Aulandshandelskammer, dass gerade dieser Teil von „Abenomics“ in Deutschland weit mehr Beachtung erfahre als andere aktuelle und sehr viel konkretere Entwicklungen mit massiven Auswirkungen auf die Realität der deutsch-japanischen Geschäftsbeziehungen: beispielsweise die weltweiten Aktivitäten japanischer Unternehmen.

 Bemerkenswerte Globalisierungswelle

Von vielen in Deutschland noch wenig wahrgenommen oder nicht in ihrer vollen Dimension erfasst, erlebt Japan derzeit eine bemerkenswerte Globalisierungswelle. „Dabei unterscheiden sich Perspektiven, Gewichte und Prioritäten japanischer Unternehmen zunehmend von europäischen“, betonte Manfred Hoffmann, Geschäftsführer der AHK Japan und der Delegierte der deutschen Wirtschaft in Japan. Auch wenn Europa für sie nicht unwichtig sei, so Hoffmann, gelte ihr vorrangiges Interesse heute aber immer mehr Asien und dem pazifischen Raum.

Mit großem Nachdruck und beeindruckender Geschwindigkeit bauten sie ihre Positionen in neuen Zielmärkten aus. Mit hohem finanziellem Einsatz und erheblicher Risikobereitschaft setze man auf Zukunftsentwicklungen. Dabei werde sehr darauf geachtet, einseitige Abhängigkeiten zu vermeiden. „Nicht nur der Ausfall von Lieferketten durch die Ereignisse in Fukushima, sondern auch der Blick auf die politischen Spannungen in Fernost hat zu Risikovorsorge gemahnt“, meinte Hoffmann.

„China+1“ als Strategie

Anders als viele deutsche Unternehmen geht die japanische Wirtschaft daher auch zurückhaltender mit China um. „China+1“ lautet die japanische Strategie. So sind japanische Unternehmen mit ihren Produkten und Aktivitäten zunehmend in den ASEAN-Staaten gegenwärtig: Japan ist dort die mit Abstand größte bilaterale FDI-Quelle. Seine Unternehmen investieren mehr als alle EU-Unternehmen zusammen und doppelt so viel wie chinesische.

Über 6.500 japanische Firmen sind dort präsent. In den vergangenen 6 Jahren hat Japans Handel mit den ASEAN-Staaten um 30 Prozent zugenommen. Kein Wunder, wenn Japans Außenwirtschaftsagentur JETRO in den letzten Jahren 11 Büros in Europa geschlossen und 12 in Asien neu eröffnet hat, oder der Industrieverband Keidanren neun ständige Arbeitsgruppen für Asien und nur noch eine für Europa unterhält.

Neue Milliardenmärkte im Visier

Mit hoher Priorität verfolgen japanische Unternehmen, wie in Asien, aber auch in anderen Teilen der Welt, aus Agrargebieten und Rohstofflieferanten dynamische Märkte werden. In boomenden Megacities und urbanen Gebieten mit einer immer größer werdenden Mittelschicht wachsen mit atemberaubender Geschwindigkeit Milliardenmärkte heran.

In den kommenden 20 Jahren könnte die Bevölkerung städtischer Großräume in Asien um 1,1 Milliarden Menschen wachsen. Technologische Entwicklungen führen zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen. Schon heute gibt es außerhalb Japans 780 Millionen Smartphone-Nutzer allein in Asien. Der damit ausgelöste Wandel in Lifestyle und Konsumverhalten ist nicht mehr zu übersehen; für Japans Unternehmen ist dies die Basis für neue Businessmodelle im IT- oder E-Commerce-Bereich von gewaltigen Dimensionen.

Wichtiger Trendsetter in Asien

Japan will auf neuen Märkten rechtzeitig dabei sein und sich seine Position als bedeutender Trendsetter sichern. So öffnet ein rapide wachsendes Netz japanischer „Convenience Stores“ mit mittlerweile bereits weit über 40.000 Filialen in der Region die Türen für japanische Konsumprodukte. Kaufhäuser und Malls folgen an zahlreichen Orten.

Die Wirtschaftsentwicklung hat weite Teile Asiens in eine Großbaustelle für Infrastrukturprojekte verwandelt. Mit intensiver politischer und finanzieller Flankierung erarbeitet sich Japan auch dort beachtlichen Einfluss und hat zahlreiche, auch strategisch entscheidende Projekte für sich gewonnen.

Der Industriepark Thang Long bei Hanoi, das Megaprojekt Dawei bei Rangun, die geplante Metropolitan Priority Area um Jakarta, die Metro in Ho-Chi-Minh-Stadt, oder der geplante Delhi Mumbai Industrial Corridor sind nur einige Beispiele dafür. Mit diesen Projekten fördert Japan auch den lokalen Absatz weiterer Produkte, setzt technologische Trends in der Region und gestaltet zukünftige Normen und Standards von weltweiter Bedeutung maßgeblich mit.

„Japanische Wettbewerber nicht falsch bewerten“

Für deutsche Unternehmen haben die japanischen Aktivitäten insbesondere in Asien sehr direkte und weitreichende Auswirkungen. „Die damit verbundenen Chancen und Gefahren werden jedoch bei oberflächlicher Betrachtung der Entwicklungen häufig nicht gesehen“, betonte Hoffmann. Bei traditioneller Bewertung der bilateralen Beziehungen lediglich auf der Basis volkswirtschaftlicher Eckdaten seien sie auch kaum erkennbar.

„Ein einseitiger Fokus auf „Abenomics“ und innerjapanische Probleme lenkt nicht nur ab, sondern verleitet zudem nicht selten dazu, japanischen Wettbewerb falsch zu bewerten und insbesondere Macht und Einfluss der großen Handelshäuser und Industriekonglomerate gefährlich zu unterschätzen“, warnte Hoffmann. Doch dort wachse nicht nur Konkurrenz.

Mit der zunehmend globalen Ausrichtung japanischer Unternehmen sind für deutsche Unternehmen auch vielfältige neue Geschäftspotenziale entstanden. Insbesondere an Plätzen, an denen traditionelle Partner japanischer Unternehmen nicht wettbewerbsfähig oder gar nicht präsent sind, gehören deutsche Dienstleister, Ausrüster oder Zulieferer durchaus zu ihren Wunschpartnern. So übertrifft der Umsatz mit japanischen Kunden auf Drittmärkten in vielen deutschen Unternehmen schon heute deren Umsatz in Japan selbst um ein Vielfaches.

Neue Chancen für deutsche KMU in Japan

Mit Blick auf diese Entwicklung etablieren sich mittlerweile auch deutsche KMU neu in Japan, die auf dem Inlandsmarkt kaum Chancen hätten. Ihr Businessmodell ist allein auf das globale Geschäft mit ihren japanischen Partnern ausgerichtet und sie nutzen damit die Gunst der Stunde. „Von der frühzeitigen Wahrnehmung der Entwicklungen und Chancen hängt es ab, ob Japaner Deutschen in Zukunft weltweit eher als Konkurrenten oder als Geschäftspartner begegnen“, meinte der AHK-Geschäftsführer.

Hier entscheide sich, ob deutsche Unternehmen Japan als Benchmark und als Partner für Innovation, Forschung und Entwicklung nutzen, von japanischen Netzwerken und politischem Einfluss etwa bei großen Infrastrukturprojekten profitieren, einflussreiche Partner bei der Interessenvertretung in gemeinsamen Zielländern haben oder aber wertvolle Potenziale und die Mitgestaltung zukünftiger Trends, Normen und Standards anderen überlassen.

Sorge wegen „disruptiver Innovationen“

Auf japanischer Seite beobachten und analysieren zahlreiche private und staatliche Think Tanks die weltweiten Veränderungen sehr genau. Die Suche nach und Sorge vor „Disruptive Innovations“ treibt japanische Unternehmen nicht weniger um, als Deutsche. Selbst traditionsverbundenen Japanern ist immer mehr bewusst, dass man ohne „Open Innovation“, also globale Netzwerke und Partnerschaften, kaum mehr wettbewerbsfähig bleiben kann.

„Beispiele zeigen, dass eine deutsch-japanische Partnerschaft nicht nur möglich ist, sondern selbst zwischen Wettbewerbern sehr erfolgreich sein kann“, meinte Hoffman. Dennoch sei der Weg von der Beobachtung zur Zusammenarbeit für beide Seiten schwierig und erfordere viel Aufwand und Geduld. Daran werde sicher auch „Abenomics“ nichts ändern.

Foto: flickr/Danny Cho