Tokio (JAPANMARKT/fr) – Vier Jahre nach der Atomkatastrophe gibt sich der Stromkonzern Tokyo Electric Power, kurz Tepco, geläutert. Die eigene Zukunft sieht der Konzern in der weltgrößten Atomanlage Kariwa-Kashiwazaki auf der anderen Seite der japanischen Hauptinsel. Das weltgrößte Atomkraftwerk besteht aus sieben Reaktoren, die Tepco wieder in Betrieb nehmen will. Doch die Zweifel an den Kompetenzen des Konzerns sind groß.

2 Milliarden Euro gegen Tsunami

Das AKW Kariwa-Kashiwazaki entstand in den achtziger Jahren zur Blütezeit der Atomkraft in Japan: Selbstherrlich wurde damals geklotzt, nicht gekleckert. Seine sieben Meiler können fast doppelt so viel Strom erzeugen wie die sechs Fukushima-Reaktoren. Jetzt soll der Neustart der Atomanlage zur Wiedergeburt von Tepco führen.

Dafür wurde der Tsunami-Schutz für umgerechnet 2 Milliarden Euro stark verbessert, wie AKW-Chef Tadayuki Yokomura berichtet.“Die erste Lektion, die wir in Fukushima gelernt haben, lautet: Unterschätze nie die möglichen Auswirkungen von Naturkatastrophen. Wir müssen uns Katastrophen vorstellen, die schlimmer als in der Vergangenheit waren. Dafür werden dann die Sicherheitsvorkehrungen getroffen.“

15 Meter Betonmauer und Deich

Konkret sollen eine neue Betonmauer und eine Deicherhöhung das AKW besser vor einem Tsunami schützen. Die Barrieren sind 15 Meter hoch, frühere Tsunami waren hier nur sechs Meter hoch. Zusätzlich haben alle Reaktoren wasserdichte Tore und Schutzmauern für die Luftzufuhr bekommen. Eine andere Fukushima-Lehre sind mobile Generatoren, Back-up-Batterien, Gasturbinen und unterirdische Dieseltanks.

Die Ausrüstung soll Strom für die Notkühlung der Reaktoren im Havariefall erzeugen. Schon vor acht Jahren hatte ein Erdbeben in Kariwa einige Bauschäden verursacht. AKW-Chef Yokomura wirbt mit deutlichen Worten um Vertrauen. „Unsere Firmenkultur hat sich total geändert. Vor ‚Fukushima‘ haben wir uns mit einer bestimmten Menge an Sicherheitsmaßnahmen begnügt. Aus der Katastrophe haben wir gelernt, dass wir auch auf Situationen jenseits der Musterannahmen vorbereitet sein müssen.“

Wirtschaftliche Motive für Neustart

Vor allem aus wirtschaftlichen Gründen will Tepco das Riesen-AKW weiter nutzen. Nur die sieben Meiler von Kariwa bleiben dem Konzern, um das Geld für die teure Entschädigung der Fukushima-Katastrophe zu verdienen. 120.000 Bürgerinnen und Bürger mussten evakuiert werden und leben seitdem in Behelfsunterkünften. Der Staat hat Tepco dafür bereits 70 Milliarden Euro vorgestreckt, will das Geld aber zurück.

Paradoxerweise ist das nur möglich, wenn Tepco wieder Atomstrom produziert. Jeder Monat ungenutzte Betriebszeit in Kariwa kostet den Konzern eine halbe Milliarde Franken. Durch die vielen neuen Sicherheitsmaßnahmen sind die Chancen gestiegen, dass die Atomaufsicht den beantragten Neustart der Reaktoren 6 und 7 genehmigt. Beide Meiler sind Siedewasserreaktoren der dritten Generation und weniger als 20 Jahre alt.

Gouverneur stellt sich quer

Doch der zuständige Gouverneur Hirohiko Izumida ist ein scharfer Tepco-Kritiker und lehnt bislang jeden Neustart ab: „Meine Position ist sehr sehr klar“, sagte er vor wenigen Monaten (JAPANMARKT Online berichtete). „Tepco hat die wichtige Information, dass es Kernschmelzen gegeben hat, zwei Monate lang unterschlagen. Ich frage, ob eine solche Organisation überhaupt das Recht haben sollte, Atomkraftwerke zu betreiben. Bevor diese Frage nicht addressiert wird, kann ich keine Gespräche über die Wiederinbetriebnahme der Atomanlage Kariwa-Kashiwazaki beginnen.“

Außerdem müsse Tepco die Schuldigen für die Atomkatastrophe intern bestrafen, verlangt Izumida. Im Januar blieb ein persönlicher Bittgang von Tepco-Chef Naomi Hirose zum Gouverneur fruchtlos. Izumida schlug die Einladung zu einer Inspektion von Kariwa aus. Inzwischen setzt die Tepco-Führung den widerspenstigen Gouverneur unter Druck: Wenn er nicht nachgebe, müsste sie im Grossraum Tokio die Strompreise erhöhen. Doch die Drohung blieb bisher ohne Erfolg.

Foto: Blöcke 5-7 des AKW Kariwa (oben), AKW-Chef Yokomura (Mitte) (alle Rechte JAPANMARKT Online)