Tokio (JAPANMARKT/fr) – Japanische Unternehmen suchen ihr Heil verstärkt im Ausland. Sir Stephen Gomersall, britischer Berater von Hitachi-Präsident Hiroaki Nakanishi, sieht dazu keine Alternative. Allerdings müssten die Unternehmen, die sich globalisieren, ihre traditionelle Kultur einer „Firmengemeinschaft“ überwinden. Seine Empfehlungen verraten viel über Japans Unternehmen.

Innovation statt Produktion

Bei der Erzeugung von Werten kommt es nach Ansicht von Gomersall weniger als früher auf die Produktion und mehr auf die Innovation an. Dies erfordere Individualismus und eine Öffnung der internen Silos in den Unternehmen. Für Innovation seien Teamwork notwendig sowie Leute mit einer Kombination von Wissensfeldern, nicht diejenigen, die in einem Bereich perfekt seien. Die japanische Produktionskunst (Monozukuri) sei noch wichtig, so Gomersall, aber nicht mehr der entscheidende Faktor.

Japanische Unternehmen seien reich an Technologien. Aber um dieses Knowhow in Form von Infrastrukturprojekten ins Ausland zu bringen, seien ganz neue Fähigkeiten notwendig, die in den traditionellen Produktions- und Exportfirmen nicht vorhanden seien. Dazu gehörten Wissen über die Politik vor Ort, über Projektfinanzierung, eine lokale Ingenieursbasis für die Anpassung der Technologien und Wissen über den Aufbau von lokalen Zulieferketten zur Kostenverringerung.

Globalisieren als Traditionsbruch

Das erfordere eine Umkehrung der ganzen Firmenstruktur, die auf eine Fabrik ausgerichtet ist, von innen nach außen. Die Entscheidungsgewalt müsse an die Frontlinie verlegt werden, wo die Kinder seien, analysierte Gomersall. „Dies ist das ein völliger Bruch mit der Tradition, dass die Entscheidungsgewalt am japanischen Fabrikstandort ausgeübt wird“, so der britische Hitachi-Berater.

Jetzt müssten die eher vertriebs- und handelsorientierten Manager außerhalb Japans die Entscheidungsträger weren. Die Vertriebseinheiten in Japan, die von dort die Auslandsmärkte abgedeckt haben, würden dadurch überflüssig. Auch die bisherige Karriereaussicht für einen Ingenieur, einmal zum Leiter einer Geschäftseinheit aufzusteigen, würde sich dadurch in riesigem Ausmaß ändern.

Ausländer statt japanische Expats

Der Ressourcenpool in den Firmen, der bisher auf die Notwendigkeiten der Ingenieure ausgerichtet sei, müsste nun vielfältig und vor allem international werden. Die Auslandsoperationen könnten daher nicht mehr von Expats gemanagt werden, die nur für zwei bis drei Jahre entsandt werden.

Statt desesn müssten Ausländer in diese Positionen aufsteigen. „Das bedeutet Leistung objektiv messen, Leute mit Führungspotenzial viel früher befördern und junge Leute mit verschiedenen Hintergründen und Fähigkeiten rekrutieren“, sagte Gomersall. Dieser Wandel brauche Zeit, fügte er hinzu.

Dieser Artikel basiert auf der von Technologieberatung Eurotechnology veröffentlichten Rede von Sir Stephen Gomersall „Globalization and the Art of Tea“, die als Princess Chichibu Memorial Lecture für die Japan British Society in Ueno Gakuen am 5. März 2015 gehalten wurde.

Sir Gomersall war britischer Botschafter in Tokio (1999-2004), danach Hitachi Chief Executive for Europe und Hitachi Board Director (2004-2014) und arbeitet heute als Berater des Hitachi-CEO Hiroaki Nakanashi.

Foto: flickr/Jonathan Leung