Tokio (JAPANMARKT/fr) – Es gibt viele ökonomische (und andere) Mythen über Japan, weil viele Autoren lieber Stereotype wiederholen und voneinander abschreiben, als selbst zu recherchieren. Zu diesen Mythen gehören die „verlorenen Jahrzehnte“ von Japan. Nach der Commerzbank hat jetzt auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgang nachgewiesen, dass diese Behauptung falsch ist.

Milde Deflation von 1998 bis 2012

Japan wird derzeit immer wieder als das warnende Beispiel für Europa genannt, wenn es um die hohen volkswirtschaftlichen Kosten der Deflation geht. Die meisten Kommentatoren kennen die Details jedoch nicht. Japans Deflation zwischen 1998 und 2012 ist tatsächlich sehr hartnäckig gewesen. Aber die Deflation selbst verlief milde: Der durchschnittliche jährliche Rückgang der Kernpreisrate (ohne frische Lebensmittel) in diesem Zeitraum betrug minus 0,3 Prozent.

Die Gründe für die Deflation in Japan unterscheiden sich jedoch teilweise von Europa, wie der japanische Notenbank-Chef Haruhiko Kuroda kürzlich erläuterte: Dazu gehörten der Schuldenabbau der Unternehmen und Finanzinstitutionen nach dem Platzen der Immobilien- und Aktienblase der achtziger Jahre, der Aufbau von Produktionsbasen in China und der Import der dort hergestellten Waren zu niedrigeren Preisen sowie die starke Aufwertung der japanischen Währung Yen.

Kein verlorenes Jahrzehnt 2000 bis 2013

Nach einer neuen Analyse der Internationalen Bank für Zahlungsausgleich in Basel gingen die Preise in Japan zwischen 1998 und 2012 um kumuliert 4,0 Prozent zurück. (Die BIZ ist eine Art Zentralbank der Zentralbanken.) Wie hat sich dies auf die Volkswirtschaft ausgewirkt? Das Ergebnis ist weniger eindeutig als man vermuten würde. Laut der BIZ-Analyse ist die reale Wirtschaftsleistung von Japan zwischen 1991 und 2000 um kumulativ 6 Prozent gewachsen. In den USA betrug das Wachstum in dieser Zeit 26 Prozent. Von einem zweiten verlorenen Jahrzehnt kann jedoch keine Rede sein.

Zwischen 2000 und 2013 lag das reale Wachstum in Japan mit insgesamt 10 Prozent nur noch geringfügig unter den 12 Prozent der USA. Wenn man fairerweise berücksichtigt, dass das reale Bruttoinlandsprodukt direkt vom Umfang der Erwerbsbevölkerung abhängt, dann liegt das Wachstum Japans von über 20 Prozent in diesem Zeitraum fast doppelt so hoch wie 11 Prozent der USA. Damit schneidet Japans Wirtschaft im internationalen Vergleich respektabel ab. Als abschreckendes Beispiel in Sachen Deflation taugt Japan damit ebenfalls nicht, auch wenn man die Deflation nicht schönreden sollte.

Hinweis: Die Ökonomen der BIZ haben 140 Jahre Wirtschaftsgeschichte in 38 Ländern untersucht, insgesamt flossen 3.687 Vergleichsjahre in die Statistik ein. Die Studie steht hier.

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