Tokio (JAPANMARKT/fr) – Erstmals haben sich Arbeitgeber und Gewerkschaften in Japan auf eine Begrenzung der Überstunden geeinigt. Aber das gefundene Limit ist aus ausländischer Sicht ziemlich hoch.

„Große, historische Reform“

Regierungssprecher Yoshihide Suga sprach von einer „großen, historischen Reform„: Die Zahl der Überstunden in Japan wird auf „weniger als 100 Stunden monatlich“ begrenzt. Dafür waren die Verhandlungspartner über ihre Schatten gesprungen: Der Gewerkschafts-Dachverband Rengo akzeptierte die Zahl 100, die Arbeitgeber-Lobby Keidanren das Wort „unter“. Premier Abe nannte die Vereinbarung einen „Durchbruch“ bei der Verhinderung von „Karoshi“ (Tod durch Überarbeitung).

Sein Stolz ist aus westlicher Sicht schwer nachzuvollziehen: Bei 100 Überstunden pro Monat käme man bei einer 5-Tage-Woche und 20 Arbeitstagen im Monat auf eine tägliche Arbeitszeit von 13 statt 8 Stunden. 49 der anerkannten 96 Karoshi-Opfer von 2015 starben aufgrund einer Überlastung durch „80 bis 100 Stunden Überstunden monatlich“, so die gesetzlich notwendige Voraussetzung für die Anerkennung als Karoshi-Opfer.

Der Trommelwirbel der Regierung wird etwas verständlicher, wenn man sich die Details der Abmachung ansieht. Die „unter 100 Überstunden monatlich“ beziehen sich nur auf einen vorübergehenden Zeitraum mit besonders hoher Arbeitsintensität wie vor dem Ende des Geschäftsjahres. Für das Gesamtjahr wird die Zahl der Überstunden auf maximal 720 begrenzt.

Geldstrafen für Unternehmen

Das sind durchschnittlich 60 Stunden monatlich. Die maximal erlaubte durchschnittliche Überstundenzahl im Zeitraum zwischen zwei und sechs Monaten wird auf „unter 80“ festgelegt. So bleibt man unter der gesetzlichen Definition für die Anerkennung von Karoshi. Mehr als insgesamt sechs Monate im Jahr dürfen Unternehmen nicht mehr als 45 Überstunden verlangen.

Das Parlament soll nun ein entsprechendes Gesetz verabschieden. Unternehmen, die mehr Überstunden verlangen, sollen voraussichtlich Geldstrafen bezahlen. Durch diese Androhung soll die Zahl der Überstunden in Japan sinken. Unterm Strich bedeutet dies immer noch, dass bei einer 5-Tage-Woche und 20 Arbeitstagen im Monat bis zu drei Überstunden täglich legal sind.

Dennoch ist dies ein Fortschritt. Nur die wöchentliche Arbeitszeit von 40 Arbeitsstunden ist in Japan gesetzlich festgelegt. Der Artikel 36 der Arbeitsnormen-Vorschriften erlaubt jedoch unbegrenzte Überstunden bei einer entsprechenden Vereinbarung im Unternehmen. Dieses Schlupfloch wird nun geschlossen.

Foto: Regierungschef Abe mit den Vorsitzenden der Dachgewerkschaft Rengo, Rikio Kozu, und der Wirtschaftslobby Keidanren, Sadayuki Sakakibara (Kantei)