Tokushima verbindet eine vielfältige Natur mit einer Fülle an kulturellen Sehenswürdigkeiten, Traditionen und moderner Arbeitskultur. Nicht nur Touristen, sondern auch immer mehr Unternehmen zieht es in den Südwesten Japans.

Von Bastian Lidzba und Juliane Siegert

 

Die Präfektur Tokushima befindet sich auf der östlichen Seite Shikokus, der kleinsten der vier japanischen Hauptinseln. Während sich im Norden die Seto-Inlandssee mit einem der beliebtesten Surfgebiete Japans anschließt, zieht sich von Ost nach West das Shikoku-Gebirge, das im Sommer wie im Winter Touristen auf seine Wanderwege und Skipisten lockt. Der Yoshinogawa, einer der längsten Flüsse im Land, trägt ebenfalls zum facettenreichen Landschaftsbild der Präfektur bei. In seinem Flussbett wird die für die Region typische Indigo-Pflanze angebaut. Der aus ihr gewonnene intensiv blaue Farbstoff machte Tokushima ab dem 13. Jahrhundert in ganz Japan bekannt und die spezielle Färbemethode aizome gehört nunmehr seit fast vierzig Jahren zum Kulturerbe der Unesco. Fächer, Kleidung, Taschen oder Tücher in den charakteristischen Blautönen sind sowohl bei Einheimischen als auch bei Touristen beliebt.

Dies alles erfuhren Unternehmensvertreter auf einer dreitägigen Reise in die 500 Kilometer von Tokyo entfernte Präfektur. Sie sollten die Vorzüge der Region kennenlernen und von diesen bei ihrer Rückkehr in die Hauptstadt berichten. So erhofft es sich die Präfekturverwaltung von Tokushima – denn neben Natur, Kultur und sportlichen Aktivitäten bietet die Region vor allem eins: Frisch renovierte Häuser, die darauf warten, von Unternehmen aus den Großstädten als sogenannte „Satellite Offices“, also Büros fern der Zentrale, angemietet zu werden.

Schnellste Verbindung Japans
Ein Vorzeigeprojekt der Präfektur ist das „Kamiyama Valley Satellite Office Project“. Die Stadt Kamiyama liegt mit dem Auto etwa 50 Minuten von der Hauptstadt Tokushima entfernt. Obwohl sie nur knapp 6.000 Einwohner zählt, hätten sich seit 2012 eine Reihe von IT-Unternehmen und Firmen aus dem Kreativbereich dort niedergelassen, sagt Naohiro Hasegawa. Der Vertreter der Präfektur stellte den interessierten Großstädtern die Besonderheiten Tokushimas vor. Ein Punkt, der für ein Satellite Office spricht, sind die vielen Subventionsprogramme, die Unternehmen zur Eröffnung eines Büros in Kamiyama motivieren sollen. „Für die Anmietung von Immobilien fällt so in der Regel nur ein Bruchteil der Kosten in Tokyo an“, erklärt Hasegawa. Ebenso von Bedeutung ist wohl das Glasfasernetz, das in der gesamten Region verlegt wurde. Nach Angaben der Verwaltung verfüge Tokushima damit über die schnellste Internetverbindung Japans. Das ist besonders für Unternehmen interessant, die regelmäßig große Mengen an Daten übermitteln müssen. Durch das weitreichende Netz wird selbst das Arbeiten unter freiem Himmel inmitten der Natur möglich. Für die bereits ansässigen Unternehmen ist das eine ungewohnte, aber willkommene Abwechslung, da viele ihr Hauptquartier in den Metropolregionen Tokyo und Osaka haben. Mit den Büros in Tokushima bieten sie ihren Mitarbeitern die Möglichkeit, regelmäßig dem Stress der Großstadt zu entkommen, um so ihre Motivation zu steigern und kreative Denkprozesse zu fördern.

Doch nicht nur für die Unternehmen, auch für die Region selbst bietet das Projekt Vorteile: Die Ansiedlung von Firmen bringt Arbeitsplätze und somit eine Zukunftsperspektive. Wie viele Teile Japans leidet auch Kamiyama unter der Landflucht. Seit Beginn der Heisei Periode im Jahr 1989 ist die Einwohnerzahl von circa 10.000 auf 5.700 Personen gefallen. Die Verwaltung verspricht sich von dem Kamiyama Valley Satellite Office Project, dass sich dieser Trend zukünftig umkehren lässt und jüngere Menschen der Region erhalten bleiben.

Moderner Stil zwischen alten Wänden
Von denen, die Kamiyama verlassen haben, blieben lediglich ihre leerstehenden Häuser zurück. Diese werden nun Stück für Stück in moderne Büroräume umgewandelt. Der IT-Dienstleister Plat Ease etwa hat sein Satellite Office in einem fast hundert Jahre alten minka, einem zweistöckigen Wohnhaus aus Holz. Über eine breite Veranda erreicht man den lichtdurchfluteten Hauptraum. Neben dem Einsatz von Glaswänden wurden überall verschieden große Flachbildschirme installiert. Derartig individuell gestaltete Büros sollen den Angestellten die bestmöglichen Bedingungen zum produktiven Arbeiten bieten.

Der „Kamiyama Valley Satellite Office“-Komplex besitzt einen Raum, in dem die Großstädter in den Austausch mit den Anwohnern der Stadt treten können. Damit will die Verwaltung zu Diskussionen anregen, die neue Businessmöglichkeiten und Geschäftsideen hervorbringen. Ähnliches ist an anderen Orten in Tokushima ebenfalls geplant.

Auch mit einem weiteren Alleinstellungsmerkmal kann Tokushima glänzen: Einer Umfrage zufolge sind die Arbeitnehmer der Präfektur, die „am schnellsten Heimkommenden“ in ganz Japan. Durchschnittlich würden die Anwohner so früh das Büro verlassen können, dass sie bereits 18:02 Uhr ihre Wohnungen erreichen. Tokyoter hingegen sollen laut den befragten Unternehmen eine Stunde und 43 Minuten länger brauchen. Unter anderem diese Zeitersparnis soll zu einem besonders ausgeglichenen Arbeitsleben in Tokushima verhelfen.

Tokushima erleben
Von den hohen Work-Life-Balance-Standards konnten sich auch die Besucher aus Tokyo beim Besichtigen der Satellite Offices überzeugen. Tokushimas Verwaltung legt Wert darauf, die Gäste davon zu überzeugen, dass in ihrer Präfektur der Spagat zwischen Familie, Arbeit und Hobby besonders einfach gelingt.

Einen wesentlichen Beitrag dazu leistet die vielfältige Landschaft in der Region. Egal ob Angeln im Fluss oder See, Surfen in der Meeresbrandung oder Wandern im Gebirge – alles ist in unmittelbarer Nähe und bietet Klein und Groß viel Abwechslung und Erholung. Neben der beeindruckenden Natur, stellt das Tanzfestival Awa Odori ein weiteres Highlight der Präfektur dar. Die dreitägige Veranstaltung erfreut sich landesweiter Beliebtheit und lockt jedes Jahr rund eine Million Besucher in die Region. Wer es spiritueller mag, kann zu Fuß dem Shikoku-Pilgerweg folgen. Der 1.200 Jahre alte Weg führt zu 88 buddhistischen Tempeln auf Shikoku, 23 davon liegen in Tokushima. Die Wanderung soll von Sünden bereinigen und zur Erleuchtung führen.

Für das leibliche Wohl ist selbstverständlich auch gesorgt, bietet Tokushima doch eine Reihe lokaler Spezialitäten: Beispielsweise die Süßkartoffelart Naruto Gintoki, die besonders für ihre hellrote Farbe und ihren süßen Geschmack bekannt ist. Üblicherweise werden sie für den zwei- bis dreifachen Preis ihrer gelben Verwandten verkauft. Sudachi, eine Zitrusfrucht, wird in der lokalen Küche gerne für Soba- und Udongerichte benutzt, während sie im Rest Japans als Spezialität verkauft wird und meist nur in teuren Department-Stores zu erstehen ist. Es gibt auch eine Reihe von Süßwaren, alkoholischen Getränken und anderen Produkten, für welche Sudachi die Basis bildet.

Mittlerweile haben sich 43 Unternehmen in Tokushima einen Satellite Office eingerichtet. Doch diese Zahl reicht der Präfekturverwaltung noch nicht. Neben Präsentationen und der Einladung von Firmenvertretern zu Informationsreisen werden daher seit Juli auch „Schnupperwochen“ angeboten. In einer Beherbergung untergebracht, dürfen Angestellte eine Woche völlig unverbindlich die potentiellen neuen Büros, die Natur und die Kulturangebote testen und alle Vorzüge am eigenen Leib erfahren. Frei nach dem Motto der Verwaltung: „Tokushima erleben!“

 

Dieser Beitrag erschien zuerst im JAPANMARKT NR. 4 2017 – Juli/August

Großes Bild: iStock.com/thanyarat07
Kleines Bild: Tokushima prefecture