Um das Sozialsystem zu entlasten, will Japan weg von der teuren institutionellen Pflege und hin zu mehr Pflege daheim, durch Angehörige, externe Dienstleister sowie Ärzte, die Hausbesuche machen.

Von Sonja Blaschke

 

„Wie geht es Ihnen?“, fragt Dr. Taro Miura den gebrechlich wirkenden Mann mit weißem Haar, der gebeugt im Rollstuhl sitzt. „Schlecht“, antwortet der 69-jährige Masaru Takayanagi leise krächzend. Vorsichtig untersucht der Arzt dessen künstlichen Mageneingang, assistiert von Krankenschwester Kiyomi Sunahara. Vor einem Monat hat das Team vom Legato Comprehensive Care Center in Toyama mit regelmäßigen Hausbesuchen bei dem Senior begonnen. Seit 2012 ist dieser nach einem Schlaganfall und einem Blutgerinnsel im Gehirn halbseitig gelähmt und pflegebedürftig.

Den überwiegenden Teil der Pflege übernimmt dessen ein Jahr jüngere Ehefrau Chieko zu Hause. Das ist der Wunsch von Takayanagi – aber auch vom japanischen Staat. Denn die Pflege im Krankenhaus oder in Einrichtungen für Schwerkranke ist teuer und belastet das ohnehin angespannte Sozialsystem. Deswegen versucht der Staat, durch Kampagnen und unterstützende Maßnahmen, die Pflege zu Hause sowohl für Patienten und ihre Angehörigen als auch für Ärzte attraktiver zu machen. „Vielen Ärzten ist gar nicht bewusst, wie viele Untersuchungen man ganz einfach vor Ort beim Patienten machen kann“, sagt Miura, der Infoveranstaltungen für medizinisches Personal dazu abhält.

„Viele Ärzte wollen das nicht“, erklärt der Spezialist für Palliativ- und häusliche Pflege Dr. Hiroshi Nin. Er macht seit gut zehn Jahren in Tokyo Hausbesuche bei Sterbenskranken und weiß: „Es ist eine anstrengende Arbeit.“ Was seine Tätigkeit inzwischen erleichtere, sei der technische Fortschritt, sagt Nin. Medizinische Geräte und Material für Tests seien kleiner und leichter geworden. Ein tragbares Ultraschallgerät wiege weniger als 400 Gramm. Außerdem helfe der Einblick in das familiäre Umfeld der Patienten bei der Behandlung.

Während Nin, wie die meisten Ärzte in diesem Bereich, die Visiten alleine durchführt, besteht das Legato-Team derzeit aus insgesamt zwei Ärzten und drei Krankenschwestern. Diese übernehmen aber nur dann Patienten, wenn diese kein niedergelassener Arzt in der Nähe besuchen kann. Sie sind also nicht in Konkurrenz im Einsatz, sondern füllen Lücken im System.

Zu jedem Hausbesuch, der 30 bis 40 Minuten dauert, gehören einfache Gesundheitschecks wie die Messung des Blutdrucks und des Sauerstoffgehaltes im Blut. Außerdem wird die Medikamenteneinnahme geprüft und ermittelt, ob Handlungsbedarf besteht, zum Beispiel, ob neue Sondennahrung bestellt werden muss. Manchmal ist auch eine Sozialarbeiterin dabei. Sie soll die psychische Gesundheit der Patienten, aber auch der Angehörigen im Auge behalten.

Chieko Takayanagi zeigt eine Liste mit Telefonnummern, darunter die eines Care Managers, den sie bei Fragen anrufen könne. Außerdem komme ab und zu ein mobiler Badedienst mit drei Personen vorbei, um ihren Mann sicher in eine eigens aufgestellte Wanne zu heben. Einmal die Woche besuche er außerdem eine Tagespflege – öfter wolle der sichtlich zurückgezogene Mann nicht. Es ist immerhin eine kurze Verschnaufpause für Chieko Takayanagi, die spürbar unter der Belastung leidet. „Ich pflege ihn rund um die Uhr“, sagt sie, „rund um die Uhr.“ Jetzt hofft sie, dass das Legato-Team ihre Last ein wenig verringert.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst im JAPANMARKT NR. 6 2017 – November/Dezember

Großes Bild: Sonja Blaschke