Tokio (JAPANMARKT) – Japans volkswirtschaftliche Leistungen werden permanent unterschätzt. Dabei halten die Erfahrungen Japans einige Lehren für Europa bereit.

Unterschätztes Wachstum

Das Beispiel Japan zeige, dass Wachstum auch bei alternder und sinkender Bevölkerung möglich ist, argumentiert der Direktor des Centre for European Policy Studies, Daniel Gros. Auf den ersten Blick erscheine Japan als eine wenig dynamische Volkswirtschaft, da das Bruttoinlandsprodukt seit dem Jahr 2000 nur um weniger als einen Prozent jährlich gestiegen ist. In Wirklichkeit sei dies bemerkenswert, da die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (15 bis 64 Jahre) im gleichen Zeitraum um jährlich fast einen Prozent gesunken ist, schreibt Gros.

Dadurch habe Japans Wachstumsrate pro Person im erwerbsfähigen Alter knapp zwei Prozent betragen, doppelt so hoch wie in den USA. Selbst wenn man das Bruttoinlandsprodukt je Kopf als Maßstab nehme, habe sich Japan genauso gut entwickelt wie Europa und die USA, obwohl die Preise in dieser Zeit stetig gesunken seien. Dies sei Japan dadurch gelungen, dass fast 80 Prozent der Erwerbstätigen einen Arbeitsplatz bekommen. In Europa und den USA liege dieser Anteil nur bei etwa 70 Prozent, so Gros.

Demografisches Potenzial nutzen

Aus diesen japanischen Erfahrungen zieht der Europaspezialist Gros verschiedene Lehren für die Europäische Union. Erstens sei Wachstum trotz alternder Bevölkerung und Ersparnisüberschüssen möglich. Das inflationsfreie Wachstum von Japan zeige, dass ein hohes Inflationsziel, wie es die Europäische Zentralbank verfolge, möglicherweise nicht so wichtig sei. Als zweite Lehre nennt Gros, dass sich eine hohe Staatsverschuldung bewältigen lässt, wenn sie intern finanzierbar ist.

Die dritte wichtige Lehre laut Gros: In einer wachstumsschwachen Volkswirtschaft könne die Verschuldung im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung rasch außer Kontrolle geraten. Daher sei die EU-Grenze für die Haushaltsdefizite ihrer Mitgliedsländer richtig. Der einzige Weg, das Wachstum aufrechtzuerhalten, bestehe darin, das demografische Potenzial der Volkswirtschaft voll auszuschöpfen, argumentiert Gros.

Foto: Takashima (flickr/inefekt 69 CC BY-NC-ND 2.0)