Tokio (JAPANMARKT) – So gut wie alle Japaner bezeichnen sich Jahr für Jahr als Angehörige der Mittelschicht. Dabei sind Armut und Ungleichheit gewachsen.

Unterschicht kaum vorhanden?

In der jährlichen Umfrage der Regierung zur Lebenszufriedenheit fällt Sozialwissenschaftlern eine Zahl besonders auf: Nur 5 Prozent der Menschen in Japan halten sich laut der jüngsten Umfrage von 2017 für Angehörige der Unterschicht. Auch die Werte der Vorjahre schwanken um diese 5 Prozent. Nur die über 70-Jährigen weichen mit einer Selbsteinschätzung von 7,2 Prozent davon deutlich ab.

Berücksichtigt man noch die lediglich 1,1 Prozent der Japaner, die sich als Angehörige der Oberschicht bezeichnen, sowie die Unentschiedenen (1,4 Prozent), dann zählen sich 92,5 Prozent der Japaner zur Mittelschicht, auch wenn 21,7 Prozent sich als Angehörige der unteren Mittelschicht bezeichnen.

Dabei ist die Armutsrate in Japan seit Mitte der 1980er Jahre von 12 auf 16 Prozent gestiegen. Dies ist der Anteil der Japaner, die über weniger als 1,2 Millionen Yen jährlich (8.900 Euro) verfügen. Ein Drittel der Haushalte in Japan haben ein Einkommen unter 3 Millionen Yen (22.200 Euro).

Eingeschränkte Wahrnehmung

Sozialwissenschaftler schließen aus dieser Diskrepanz zwischen Realität und Selbsteinschätzung, dass viele Japaner ihre materielle Armut nicht wahrnehmen wollten. So argumentiert etwa Professor Eisaku Ide von der Keio-Universität in Tokio. Die abweichenden Umfrageergebnisse erklärte er in einem Interview mit einer Art von Verdrängung.

Die Japaner nähmen nicht zur Kenntnis, dass sie in ihrem Lebensstandard inzwischen von vielen Ländern überholt worden seien, meinte Ide. Zugleich ignorierten sie die zunehmende Ungleichheit in Japan. Der Ökonom meinte dazu, viele Japaner versuchten „verzweifelt, ihren eigenen Lebensstil zu verteidigen“. Dadurch fehle ihnen die Energie, die soziale Ungleichheit zu verringern und die Gesellschaft zu verbessern.

Foto: Buddha von Kamakura (flickr/John Gillespie CC BY-SA 2.0)