Tokio (JAPANMARKT) – Ausländische und japanische Unternehmen rivalisieren in Japan um die Einstellung von Hochschulabsolventen mit begehrten Fachrichtungen wie Informationstechnik. Dabei sitzen die Ausländer aus zwei Gründen am längeren Hebel.

Langfristige Stellenvergabe

Zum 1. April beginnt in Japan das neue Geschäftsjahr vieler Unternehmen. Dann werden Zehntausende junger Universitätsabgänger bei ihnen ihre Arbeit aufnehmen. Die Auswahl dieser neuen Mitarbeiter hat im japanischen System schon vor langer Zeit stattgefunden.

Schon ab dem 1. März des Vorjahres dürfen die Unternehmen gemäß den Richtlinien der Wirtschaftsorganisation Keidanren die Studenten des Abschlussjahrgangs ansprechen, die im Frühjahr des darauffolgenden Jahres ihre Bachelor- und Masterprüfungen machen. Interviews können ab dem 1. Juni stattfinden. Diese Selbstverpflichtung der Unternehmen soll dazu dienen, dass die Studenten nicht schon mitten in ihrer akademischen Ausbildung von der Jobsuche gestört werden.

Auswahl nach Universitäten

Das wichtigste Auswahlkriterium für die Unternehmen sind nicht die Noten, sondern das Prestige der Universität, an der die Studenten die Aufnahmeprüfung geschafft haben. Je höher das eigene Unternehmen angesehen ist, desto leichter bekommt es Absolventen von einer der Top-Universitäten.

Besonders begehrt sind derzeit Studenten der Informations- und Computertechnik. Hier verschaffen sich ausländische Unternehmen auf zweierlei Weise einen Vorteil: Erstens ignorieren manche Unternehmen die von Keidanren gesetzten Fristen und sprechen die Studenten bereits vor dem 1. März und damit mehr als einem Jahr vor ihrer Abschlussprüfung an.

Gewaltige Gehaltsunterschiede

Zweitens locken einige ausländische Unternehmen begehrte Absolventen mit besseren Anfangsgehältern. Der chinesische Netzwerkhersteller Huawei zum Beispiel versprach nach Angaben der Finanzzeitung „ Nikkei“ im Vorjahr ein Einstiegsgehalt von monatlich 401.000 Yen (rund 3.000 Euro) für Bachelor-Studenten.

Im internationalen Vergleich dürfte dies eher Durchschnitt sein, besonders bei heiß begehrtem Know-how wie zur Künstlichen Intelligenz. Aber Sony bot vergangenes Jahr nur ein Anfangsgehalt von 218.000 Yen, rund die Hälfte weniger als Huawei und andere ausländische Konkurrenten.

Auswirkung der Lohndeflation

Wirtschaftsprofessor Masazumi Wakatabe von der Unversität Waseda erklärt den großen Unterschied damit, dass die Gehälter in Japan wegen der Deflation lange stagniert hätten. Im Schnitt bekämen Hochschulabsolventen mit Bachelor-Abschluss mit knapp 206.000 Yen (knapp 1.600 Euro) ungefähr so viel Geld wie vor zwei Jahrzehnten.

Daher sei nicht das Angebot von Huawei hoch, sondern das japanische Startgehalt zu niedrig, so die Schlussfolgerung von Wakatabe. Die Verknappung von Arbeitskräften gerade im gefragten IT-Bereich könnte diese Lohnstagnation nun langsam beenden. Ob es dazu kommt, dürfte sich schon bei der soeben begonnenen neuen Jobsaison zeigen.

Foto: Bei einer Job-Messe informieren japanische Unternehmen künftige Hochschulabsolventen über ihre Angebote (flickr/Dick Thomas Gordon Johnson CC BY 2.0)