Tokio (JAPANMARKT) – Bei der aktuellen Nordkorea-Diplomatie gerät Japan zunehmend ins Hintertreffen. Jetzt hat Nordkorea diese Schwäche öffentlich thematisiert.

Schicksal der Entführten

Japans Premierminister Shinzo Abe hat zwei Anliegen, wenn sich US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Führer Kim Jong-un am 12. Juni in Singapur treffen. Erstens soll Trump Kim nach dem Schicksal von japanischen Entführten in Nordkorea fragen. Zweitens soll Trump auch über nordkoreanische Kurz- und Mittelstreckenraketen sprechen, die Japan bedrohen.

Abe will seine Wünsche laut eines Berichts der Finanzzeitung „Nikkei“ noch einmal gegenüber Trump deutlich machen, wenn die beiden sich Anfang Juni im Rahmen des G7-Gipfels in Kanada treffen. Von Nordkorea verlangte Abe in einem Fernsehinterview die Freilassung von entführten Japanern. Vorher werde es keine japanische Wirtschaftshilfe geben.

Wirtschaftshilfe als Lockmittel

Japan und Nordkorea hatten sich beim Besuch von Premierminister Junichiro Koizumi 2002 in Pjöngjang auf die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen und Wirtschaftshilfe verständigt. Damals hatte Nordkorea zugegeben, in den 1970er und 1980er 13 japanische Bürger entführt zu haben. Sie mussten koreanische Spione in japanischer Kultur und Sprache unterrichten.

Fünf Japaner durften 2002 in ihre Heimat zurückkehren, acht weitere sollen tot sein. Dafür verlangt die japanische Seite bisher jedoch vergeblich Beweise. Womöglich wurden auch noch mehr Japaner verschleppt. Diese Vermutung wird von Nordkorea stets zurückgewiesen. Durch die Annäherung an Japans Sicherheitspartner USA fühlt sich Pjöngjang in dieser harten Haltung gegenüber der japanischen Forderung nach Aufklärung bestärkt.

Die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA streute am Wochenende jedenfalls Salz in Japans offene Wunde. Nur Japan stelle sich gegen den Trend eines Zukunftsaufbaus, erklärte das Sprachrohr von Führer Kim Jong-un, indem man Entführung mit Terrorismus gleichsetze und wegen der Entführten maximalen internationalen Druck auf Nordkorea verlange.

„Politisch kurzsichtige“ Strategie

Dies sei ein böses und dummes Verhalten, um den Friedenstrend auf der koreanischen Halbinsel um jeden Preis einzudämmen, schrieb KCNA. Dass Japan bei dem aktuellen Friedensprozess auf der koreanischen Halbinsel übergangen werde, habe sich die Regierung daher selbst zuzuschreiben, da es politisch kurzsichtig sei, schrieb die staatliche Agentur. Japan solle die Idee fallen lassen, dass alles so läuft wie beabsichtigt.

Die Analyse von KCNA ist zwar einseitig, aber trifft Japans Dilemma im Kern: Tokio hat ein Anliegen, aber kann es nicht durchsetzen, weil man nicht selbst Akteur ist, sondern von den USA vertreten wird. Doch Präsident Trump hat schon mehrmals japanische Interessen nicht berücksichtigt, wenn er davon selbst einen Vorteil hat (JAPANMARKT berichtete).

Foto: Shinzo Abe vor der japanischen Presse (Kantei)