Tokio (JAPANMARKT) – Seit bereits mehreren Wochen diskutiert Japan den Fall eines jungen Football-Spielers, der seinen Gegner auf Befehl des Trainers absichtlich verletzte. Das erinnert viele Japaner offenbar an ihre Arbeitswelt. 

„Power Hara“

„Power Hara“ als Kurzform von „Power Harassment“ ist der japanische Ausdruck dafür, dass Vorgesetzte ihre Untergebenen gegen deren Willen dazu zwingen, etwas (häufig Widerrechtliches) zu tun. Auf Deutsch lässt sich dies vielleicht als Machtmissbrauch übersetzen, der in einer konfuzianisch geprägten Kultur jedoch auf wenig Widerstand stößt.

Das aktuelle Beispiel liefert ein Mitglied des American-Football-Studententeams der Nihon Universität. Taisuke Miyagawa attackierte einen wichtigen Spieler der gegnerischen Mannschaft in reiner Verletzungsabsicht. Später entschuldigte sich der Student auf einer Pressekonferenz für seine Tat und berichtete, sein Trainer hätte ihn unter Druck gesetzt, den gegnerischen Spieler auszuschalten, andernfalls würde er zum Ersatzspieler degradiert.

Der 20-Jährige machte seine eigene Schwäche dafür verantwortlich, dass er sich dem Befehl nicht widersetzen konnte. Doch in der japanischen Sportswelt ist der Trainer so mächtig wie ein Gott und die Sportler müssen ihm gehorchen. Football-Trainer Tsutomu Inoue dagegen behauptete, er hätte zwar die „Vernichtung“ des Gegners verlangt, aber keine Körperverletzung.

Gehorsam als Tugend

Mit dieser Formulierung wolle der Trainer nach Ansicht vieler Japaner nur eine strafrechtliche Verfolgung seines Tuns vermeiden, schrieb die Finanzzeitung Nikkei. Die Geschichte vom befehlenden Trainers und gehorchenden Spieler werde von vielen Japanern als Mikrokosmos für die Arbeitskultur im eigenen Unternehmen wahrgenommen.

In diesem Umfeld entstand denn auch das Wort „power hara“. Es beschreibt Vorgesetzte, die ihre Mitarbeiter mit Schreien, Schlagen, Mobbing und Psychoterror zu mehr Arbeit antreiben.

Große Unternehmen bevorzugten bei Neueinstellungen Absolventen, die während ihrer Studienzeit in den Universitätsteams gespielt hätten, weil sie fit und gehorsam seien, schrieb Nikkei. Doch diese Top-Down-Kultur sei auch eine Ursache dafür, warum in manchen Unternehmen Qualitätsmängel vertuscht (Japan Steel) und Gewinnzahlen manipuliert wurden (Toshiba).

Foto: Japanische Angestellte, „Salaryman“ genannt (Pixabay CC0)