Tokio (JAPANMARKT) – Japans Wirtschaft läuft weiter gut. Dennoch hält sich der Mythos der „verlorenen Jahrzehnte“ – entgegen den Fakten.

Geplatzte Spekulationsblase

Die Behauptung der verlorenen Jahrzehnte taucht immer wieder in Presseberichten über Japan auf. Damit ist die Zeit nach 1990 genannt, als die große Spekulationsblase aus Aktien und Immobilien, in Japan baburu nach dem englischen Wort  „bubble“ benannt, platzte.

Leider macht sich kaum ein Autor die Mühe, diese Behauptung zu überprüfen. Dabei sprechen die Fakten eine andere Sprache. Die „Financial Times“ sprach kürzlich sogar von einem „Wirtschaftswunder“ in Japan.

Steigender Lebensstandard

Die Wirtschaftsleistung pro Kopf (unter Berücksichtigung der Kaufkraft im internationalen Vergleich) hat sich nach Angaben der Weltbank von 19.481 Dollar im Jahr 1990 auf 38.972 Dollar im Jahr 2016 ziemlich genau verdoppelt.

Der japanische Yen hat gegenüber Anfang 1990 zum Dollar um rund ein Drittel aufgewertet. Das wäre wohl kaum passiert, wenn Japans Wirtschaft wirklich so schwach gewesen wäre, wie es „verlorene Jahrzehnte“ nahelegen.

Das Nettoauslandsvermögen von Japan hat sich laut der Weltbank von negativen 30,5 Billionen Yen im Jahr 1990 auf 94,4 Billionen Yen (715 Milliarden Euro) im Jahr 2016 ungefähr vervierfacht. Das ist zugleich der höchste weltweite Wert für ein Land.

Funktionierende Infrastruktur

Die Lebenserwartung für Neugeborene hat sich nach Angaben der Weltbank von 78,8 Jahre im Jahr 1990 auf 84 Jahre im Jahr 2016 erhöht. Das Gesundheitssystem von Japan scheint also trotz „verlorener Jahrzehnte“ zu funktionieren.

Japan gehört mit einer durchschnittlichen Download-Geschwindigkeit von 20,2 MB pro Sekunde Anfang 2017 zu den zehn Ländern mit dem schnellsten Internet. (Deutschland schaffte zu diesem Zeitpunkt nur 12,9 MB pro Sekunde.)

In Japans Hauptstadt Tokio stehen laut der Webseite Skycraperpage derzeit 1.277 Gebäude mit mehr als zwölf Stockwerken und 35 Meter Höhe. Wie man der Liste entnehmen kann, wurden die meisten davon nach 1990 gebaut. Erst danach war die Bautechnik nämlich so weit, erdbebensichere Wolkenkratzer zu bauen.

Stagnierende Preise

Wie kann es trotzdem sein, dass Japan als Nation im Niedergang wahrgenommen wird? Die Analysten von BCA Research kommen laut einem Artikel in der „Financial Times“ zu dem Schluss, dass eine verbreitete makroökonomische Annahme falsch ist. Daher werde auch Japans wirtschaftliches Abschneiden falsch bewertet.

Denn das Beispiel Japan zeigt laut BCA, dass Preisstabilität nicht unbedingt eine schlechte Sache ist. Seit 25 Jahren seien die Preise in Japan relativ stabil. Ab Mitte der 1990er bis Mitte der 2010er Jahre herrschte eine leichte Deflation, die aber nie beschleunigte. Entgegen der Lehrmeinung, Deflation sei per se schlecht, habe Japan den Lebensstandard seiner Bürger steigern können.

Neutralisierte Schulden

Japans schlechtes Image hinsichtlich der wirtschaftlichen Leistungen dürfte stark mit der hohen Verschuldung zusammenhängen. Die Schuldenquote bezüglich der Wirtschaftsleistung ist laut der Federal Reserve Bank of St. Louis von 64 Prozent im Jahr 1990 auf 237 Prozent im Jahr 2016 gestiegen.

Was diese Zahl nicht enthält: Knapp die Hälfte der Verschuldung ist in den vergangenen fünf Jahren in die Bilanz der Bank of Japan gewandert. Dadurch wurde die Gefahr einer inländischen Schuldenkrise massiv verringert.

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