Tokio (JAPANMARKT) – Die Abenomics-Politik hat Japans Wirtschaft angekurbelt. Ein Preis dafür scheint jedoch wachsende Ungleichheit zu sein.

Yen-Schwäche treibt Preise

Nach einer Analyse der Schweizer Investmentbank Credit Suisse ist die reale Einkommensungleichheit in Japan während der fünf Jahre unter Premierminister Shinzo Abe gewachsen. Dessen Politik hätte den Yen geschwächt und dadurch die Importpreise von Lebensmitteln und anderen Waren erhöht.

Die Inflation sei durch die Anhebung des Mehrwertsteuersatzes auf acht Prozent im April 2014 verschärft worden. Die Hauptleidtragenden der Abenomics-Jahre seien daher die Haushalte mit niedrigen Einkommen, erklärten Chefvolkswirt Hiromichi Shirakawa und Credit-Suisse-Mitarbeiter Takashi Shiono.

Der Vermögenseffekt durch steigende Aktien- und Immobilienpreise wurde bei der Untersuchung nicht berücksichtigt, sondern der Schwerpunkt auf makroökonomische Aspekte gelegt.

Vermehrte Teilzeitarbeit

Ihre Analyse kommt zu dem Schluss, dass sich die soziale Lage in Japan grundsätzlich verbessert habe. Das belege der sogenannte Elendsindex. Je niedriger der kombinierte Wert aus Inflationsrate und Arbeitslosenquote, desto besser ist die wirtschaftliche Situation der Erwerbsbevölkerung. Aber die Daten könnten in die Irre führen. So sei der Rückgang der Arbeitslosigkeit in Japan vor allem auf die Zunahme der Teilzeitarbeit von Frauen und Senioren zurückzuführen. Ihre Einkünfte trügen wenig zur Steigerung des durchschnittlichen Haushaltseinkommens in Japan bei.

Haushalte mit niedrigem Einkommen haben in der Regel einen relativ hohen Ausgabenanteil für Nahrungsmittel, Strom, Wasser und Telefon und einen relativ niedrigen Anteil für Kultur und Freizeit sowie Kleidung. Daher wären sie von der Kombination aus Yen-Schwäche und steigenden Rohstoffpreisen in den Jahren 2008 und 2013-2014 stark betroffen gewesen, während sie von der Deflation bei langlebigen Gütern in den Jahren 2009 bis 2012 kaum profitiert hätten.

Wachsendes Durchschnittsalter

Ein zweiter Faktor bei der Ungleichheit ist das zunehmende Durchschnittsalter der Bevölkerung. Laut dem National Survey of Family Income and Expenditure von 2014 als bislang jüngste verfügbare Datenquelle ist der Gini-Koeffizient – ein Maßstab für die Ungleichheit – für Haushalte mit zwei oder mehr Mitgliedern in Japan gestiegen.

Dies ist nach Ansicht von Credit Suisse auf die zunehmende Einkommensungleichheit bei Seniorenhaushalten zurückzuführen. Ein gewisser Prozentsatz der älteren Haushalte habe nur Anspruch auf recht bescheidene Renten und die absolute Zahl dieser Haushalte dürfte mit dem Wachstum der älteren Bevölkerung gestiegen sein, meinen die Ökonomen.

Trotz rückläufiger Arbeitslosigkeit scheint daher laut Credit Suisse der Lebensstandard von immer mehr japanischen Haushalten – darunter auch Rentenempfänger und irreguläre Arbeitnehmer – durch die Teuerung von unvermeidbaren Ausgabenposten wie Nahrungsmittel und Strom untergraben worden zu sein. Eine Verschärfung dieses Trends müsste der japanische Staat durch vorbeugende Maßnahmen verhindern, wenn im Oktober 2019 der Mehrwertsteuersatz um weitere zwei Punkte auf zehn Prozent angehoben wird.

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