Tokio (JAPANMARKT) – Die Inflation in Japan bleibt schwach, wie die jüngsten Daten zeigen. Auch die von der Notenbank erhoffte Lohninflation droht auszubleiben.

Kampf gegen die Deflation

Als Rechtfertigung für die extreme geldpolitische Lockerung dient Gouverneur Haruhiko Kuroda die milde Deflation, die Japan seit Ende der Neunzigerjahre plagt. Ohne Deflation würde die Wirtschaft stärker wachsen, argumentiert die Notenbank. Ein inoffizielles Motiv ist, dass durch Inflation die Schuldenlast von Japans Staat relativ zum Bruttoinlandsprodukt sinkt.

Doch nach mehr als fünf Jahren extremer Wertpapierkäufe liegt die Teuerung in Japan immer noch weit von der Zielrate der Zentralbank von zwei Prozent entfernt. Zwar stieg die landesweite Preisrate (ohne frische Lebensmittel) im Juni um 0,1 Punkte zum Vormonat auf 0,8 Prozent. Aber das lag größtenteils an höheren Energiepreisen. Rechnet man diesen Kostenfaktor heraus, bleiben nur magere 0,2 Prozent Inflation.  Ohne alle Nahrungsmittel und Energie fiel die Rate erstmals seit Oktober sogar auf 0,0 Prozent.

Die Inflationsrate für den Großraum Tokio im Juli, die als Vorläufer für die landesweite Rate gilt, legte jeweils leicht auf 0,8 Prozent (+0,1 Punkte) und ohne frische Lebensmittel und Energie auf 0,4 Prozent (+0,1 Punkte) zu. Doch viele Analysten erwarten für 2019 nicht mit mehr als ein Prozent Inflation.

Arbeitsmangel als Lohntreiber

Die Hoffnung der Notenbank auf eine Preiswende ruht weiter auf der starken Verknappung am Arbeitsmarkt. Auf 100 Jobsucher kamen zuletzt 159 Stellenangebote. Im Bau-, Restaurant-, Service- und Pflegesektor ist das Missverhältnis noch höher.

Nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage müssten die Löhne eigentlich längst steigen. In der Tat zeichnet sich hier eine Wende ab: Im Juni sprangen die Barlöhne um 2,1 Prozent so stark nach oben wie zwei Jahrzehnte lang nicht. Auch die Grundlöhne (ohne Alterszulagen) zogen um 1,3 Prozent an.

Weniger „irreguläre“ Stellen

Auf den Mangel an Arbeitskräften reagieren die Unternehmen offenbar schrittweise: Zunächst erhöhen sie die Löhne der „irregulären“ Beschäftigten, also der Teilzeit- und Zeitarbeiter, im Schnitt um bisher zwei Prozent seit Ende 2016. Im zweiten Schritt wandeln sie „irreguläre“ Jobs in feste Stellen um, damit sie angelernte, wertvolle Mitarbeiter nicht verlieren.

Wegen des großen Lohnunterschieds zwischen beiden Gruppen spiegelt sich dieser Trend zur Festanstellung auch in steigenden Basislöhnen wider. Ein dritter Weg der Unternehmen sind stark erhöhte Löhne für gefragte Facharbeiter, etwa IT-Ingenieure. Huawei Japan zum Beispiel bietet bis zum doppelten Lohn, den japanische Rivalen zahlen.

Zurückhaltung der Festangestellten

Doch für die Mehrheit der Festangestellten gelten kräftige Lohnerhöhungen als wenig wahrscheinlich. Diese Beschäftigten können nämlich auf ihren Arbeitgeber nur wenig Druck ausüben, da sie bei einem Jobwechsel viel zu verlieren haben.

Denn ihre Löhne steigen mit dem Alter, so dass es sich für sie lohnt, möglichst lange im Unternehmen zu bleiben. Zudem verlören sie bei einem Wechsel zu einem anderen Unternehmen Teile ihrer Altersabfindung. Das sind die beiden Hauptursachen, warum Japans Arbeitsmarkt vergleichsweise undurchlässig und unflexibel ist.

Lohnsprünge unwahrscheinlich

Für eine Inflationsrate von zwei Prozent müssten die Löhne nach Einschätzung von Analysten um jährlich 2,5 Prozent steigen. Selbst falls diese historisch eher ungewöhnlich hohe Zuwachsrate erreicht würde, muss dies nicht den von der Bank of Japan erwünschten Tugendkreis aus steigendem Konsum und höheren Kapitalausgaben auslösen.

Erstens ist nämlich die „deflationäre Mentalität“ (wie Notenbank-Gouverneur Haruhiko Kuroda es gerne formuliert) nach rund 20 Jahren Preisverfall tief in der Bevölkerung verankert. Viele Japaner stöhnen zudem über die im internationalen Vergleich hohen Miet-, Haus- und Nahrungsmittelpreise sowie die hohen Gebühren für Schulen und Universitäten.

Zweitens steigen wegen der alternden Gesellschaft die Kosten der Sozialversicherung. Der Anteil der Krankenversicherung am Bruttogehalt ist laut dem KV-Verband Kenporen von 7,4 Prozent in 2008 auf 9,3 Prozent in 2018 gewachsen. Zudem hat sich der Monatsbeitrag zur Pflegeversicherung seit dem Jahr 2000 verdoppelt. Das hat die geringen Lohnerhöhungen während dieser Zeit fast aufgefressen.

All dies deutet darauf hin, dass eine Lohninflation trotz der Verknappung am Arbeitsmarkt eher mau auszufallen droht, da immerhin noch weit mehr als die Hälfte der Beschäftigten festangestellt ist Jedenfalls könnte das Lohnplus nicht ausreichen, um auch die landesweite Inflationsrate dauerhaft nach oben zu treiben.

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