Die Angst vor Erbschaftssteuern und um die Stabilität von Staatsfinanzen und Renten verändert Japans Anlagekultur. Japans Reiche entdecken die moderne Vermögensverwaltung.

Von Martin Kölling

 

Ein Trend zeichnet sich in Japans Finanzwelt ab. Die großen Megabanken, die einst den Aufstieg der Konzerne finanzierten, entdecken nun das Geschäft mit Japans privatem Reichtum. Eine Bank nach der anderen ist in den vergangenen Jahren in die Vermögensverwaltung eingestiegen, um sich auf die wenigen Japaner zu stürzen, die zwischen 2 und 5 Millionen Dollar anlegen können. Denn sie wollen dieses Geschäft nicht länger ausländischen Banken überlassen. Inzwischen werden sogar kleinere ausländische Finanzdienstleister angelockt, die sich auf Japans gehobenen Mittelstand konzentrieren.

Der britische Manager Trevor Webster wirbt beispielsweise für den Hongkonger Vermögensverwalter Taylor Brunswick in Japan um Kunden, um die sich die großen Institute nicht kümmern. Schon mit „Spielgeld“ von 500.000 Dollar ist man beispielsweise bei Webster dabei. „Unser Geschäft ist ein Wachstumsgeschäft“, davon ist er überzeugt. „Die Nachfrage nach Vermögensplanung für Rente und Erbschaft steigt.“

Dies ist weltweit ein Phänomen in reichen Ländern, in denen die Bevölkerung schnell altert. Die Herausforderungen in Japan sind allerdings besonders. Das Land habe nicht so viele Superreiche wie die USA oder China, sagt Daiju Aoki, Chief Investment Officer für Japan bei UBS Wealth Management. Auch sei der Reichtum nicht ganz so stark konzentriert wie in den USA. In Japan besäßen 10 Prozent der Haushalte die Hälfte des Vermögens, in den USA liege der Wert bei 80 Prozent. Dennoch sei der Markt groß und bei den Wohlhabenden gebe es noch mehr Bedarf für Vermögensplanung als anderswo.

Die japanischen Haushalte haben ein Vermögen von 1.800 Billionen Yen (16 Billionen Dollar) aufgehäuft, wovon zwei Drittel im Besitz von Rentnern sind. Tritt der Erbfall ein, kassiert in Japan das Finanzamt bis zu 55 Prozent der Hinterlassenschaften als Erbschaftssteuer ab.

Schlimmer noch: Viele seiner Kunden sorgten sich, dass die Regierung den Steuersatz zur Sanierung des hochverschuldeten Staatshaushalts noch anheben könnte, erzählt Aoki. Und ein Entkommen ist inzwischen so gut wie ausgeschlossen. Die Regierung hat Steuerschlupflöcher geschlossen. Gleichzeitig fürchten nicht mehr nur ausländische Großinvestoren um die langfristige Gesundheit der Staatsfinanzen und Renten. „Nun sind sogar Japaner besorgt“, sagt Aoki.

Schon diese Mischung aus Erbschaftssteuer, Niedrigzinsen und Zukunftsangst bringt mehr Menschen dazu, mit riskanteren
Anlageformen nach höheren Renditen als mit Bargeld oder Anleihen zu jagen. Der Anteil von Aktien im Portfolio sei von früher 30 auf jetzt etwa 50 Prozent gestiegen, sagt Aoki.

Auch die Regierung fördert den Trend. Sie reformiert die Corporate Governance, damit Japans Firmen höhere Renditen für ihre Aktionäre erwirtschaften können. Die Bank von Japan und der staatliche Pensionsinvestmentfonds legen verstärkt in Aktien an und ermutigen damit die Bürger zum Nachahmen. Außerdem begünstigt die Regierung Investitionen von Normalverdienern in Aktien steuerlich. „Abes Reformen sickern zu den Menschen durch“, sagt Webster.

Doch ein Problem bleibt die konservative Haltung der reichen Senioren. „Sie legen ihre Gelder am liebsten in Werte an, die sie gut kennen“, meint UBS-Experte Aoki. Amerikanische Aktien und Anleihen gehören dazu, ebenso Schwellenländer wie Mexiko und Brasilien sowie manchmal Kanada. Das Interesse daran, in die Euro-Zone und andere Regionen zu investieren, ist hingegen nicht so hoch. Immerhin wächst mit den Investitionen japanischer Firmen in Asien auch das Interesse an asiatischen Währungen und Aktien.

Am liebsten sähe es Aoki allerdings, wenn die Regierung den Vermögenstransfer zu Lebzeiten an die jüngeren Generationen stimulieren würde. Denn er ist überzeugt, dass die Kinder deutlich aggressiver sind als ihre Eltern. „Sie werden ihr Geld stärker in Aktien investieren als die Babyboomer-Generation.“

 

Dieser Beitrag erschien zuerst im JAPANMARKT Nr. 3/2018.

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