Tokio (JAPANMARKT) – Der Chairman von Nissan und Chef der Autogruppe Renault-Nissan-Mitsubishi, Carlos Ghosn, wurde in Japan festgenommen. Ein Whistleblower hatte auf mögliches Fehlverhalten aufmerksam gemacht.

Falsches Gehalt gemeldet

Japanischen Medienberichte zufolge wirft die Tokioter Staatsanwaltschaft Ghosn Verstöße gegen Finanzmarktregeln vor. Der Franzose mit Wurzeln in Brasilien und dem Libanon soll über viele Jahre der Tokioter Börse ein zu niedriges Einkommen berichtet haben. Nach unbestätigten Informationen unterschlug Ghosn in den vergangenen fünf Jahren im Schnitt 1 Milliarde Yen (7,8 Millionen Euro). Auch Greg Kelly, ein enger Mitarbeiter von Ghosn sowie Mitglied des Verwaltungsrats von Nissan, kam in japanische Untersuchungshaft.

Bei Nissan wird Ghosn seinen Posten als Vorsitzender des Verwaltungsrats voraussichtlich schon am Donnerstag verlieren. CEO Hiroto Saikawa kündigte einen Antrag auf Absetzung von Ghosn an. Dabei verwies das Unternehmen auf „zahlreiches anderes bedeutendes Fehlverhalten“, das bei einer mehrmonatigen Untersuchung entdeckt worden sei, ausgelöst durch einen internen Hinweisgeber. Konkret nannte Saikawa bei einer Pressekonferenz am späten Montagabend die Nutzung von Firmenvermögen für persönliche Zwecke.

Kritik an Machtkonzentration

Ghosn hatte sich am Montag nach seiner Ankunft auf dem Tokioter Flughafen Haneda freiwillig einer Befragung gestellt und wurde später in Untersuchungshaft genommen. Laut japanischen Presseberichten durchsuchten Polizisten die Konzernzentrale von Nissan in Yokohama. Nissan-Chef Saikawa äußerte offen „Enttäuschung, Frust, Verzweiflung, Empörung und Ärger“ über Ghosn und stellte die Qualität der Unternehmensführung in Frage. Es habe eine „dunkle Seite“ der Machtkonzentration in einer Hand gegeben, sagte Saikawa. Die gleichzeitige Führung von Nissan und Renault bezeichnete er als Interessenkonflikt.

Der charismatische Manager hatte sich bei Renault den Ruf eines Sanierers erworben und wurde deshalb 1999 von Nissan als Sanierer gerufen. Das brachte ihm die Spitznamen „Le Cost Cutter“ ein. 2001 übernahm Ghosn die Führung der Japaner und stieg 2005 auch zum Chef von Renault auf. Die beiden Unternehmen wuchsen zu einer Allianz zusammen, die im Vorjahr um Mitsubishi erweitert wurde. Der französisch-japanische Dreierbund löste Volkswagen 2017 an der Spitze der Autoliga ab, wenn man die Nutzfahrzeuge nicht mitrechnet.

Schmied der größten Autoallianz

Der gebürtige Brasilianer wuchs im Libanon auf und absolvierte eine französische Eliteschule. Seine Karriere begann beim Reifenkonzern Michelin, 1996 wechselte er zu Renault. Sein Vertrag läuft noch bis 2022. Wie der kürzlich verstorbene Fiat-Chrysler-Chef Sergio Macchione ist Ghosn ein Arbeitssüchtiger, der ständig im Firmenflugzeug zwischen den Kontinenten unterwegs war. Sein Gehalt war immer umstritten, sowohl in Frankreich als auch in Japan. Nun scheint ihm der Umgang mit dem Geld zum Verhängnis geworden zu sein.

Sollten die Presseberichte stimmen, dann hat Ghosn in den vergangenen Jahren als Chef von Nissan und dann auch Mitsubishi rund zwei Milliarden Yen (15,5 Millionen Euro) im Jahr verdient. Im Vergleich zu den Verwaltungsrats- und Vorstandsvorsitzenden von Toyota und Honda bewegte sich er sich damit in astronomischen Höhen. Beim eigenen Gehalt scheint „Le Cost Cutter“ jedenfalls nicht gespart zu haben. Das hatte schon immer Kritik erzeugt – in der japanischen Presse ebenso wie bei den Hauptversammlungen der Nissan-Aktionäre. Diese Unzufriedenheit könnte auch den internen Hinweisgeber bei Nissan ermutigt haben, das mögliche Fehlverhalten von Ghosn zu melden.

Foto: Carlos Ghosn 2014 beim World Economic Forum (flickr/WEF CC BY-NC-SA 2.0)