Frauen und Digitalisierung sind zwei zentrale Hoffnungsträger in der Chemiebranche, die mangels genügend Hochschulabsolventen zunehmend Schwierigkeiten hat, offene Stellen zu besetzen.

Von Japan Chemical Daily

 

Die japanische Chemieindustrie durchläuft derzeit einen Umbruch bei der Einstellung neuer Mitarbeiter. Bis vor Kurzem haben Unternehmen ihre Einstellungszahlen je nach Geschäftsentwicklung entweder erhöht oder verringert. Aufgrund der demografischen Entwicklung verändert sich der Arbeitsmarkt aber rasant und die Unternehmen stehen jetzt vor der Herausforderung, diese Praxis zu überarbeiten und auf eine gleichmäßigere Einstellung von Arbeitnehmern umzustellen.

Trotzdem fällt es den Unternehmen jedes Jahr schwerer, Mitarbeiter in ingenieurwissenschaftlichen Bereichen zu gewinnen, obwohl diese die meisten Neueinstellungen in der Branche ausmachen. Dies macht sich besonders bei potenziellen Kandidaten mit Abschlüssen in Maschinenbau und Elektrotechnik bemerkbar. Solche Mitarbeiter sind für die Instandhaltung von bestehenden Anlagen unerlässlich und für den Bau neuer Anlagen von entscheidender Bedeutung. Gegenwärtig kommen jedoch auf 100 offene Stellen nur 80 Universitätsabsolventen aus den einschlägigen Studiengängen.

Besonders hart ist der Wettbewerb um geeignete Mitarbeiter in der Automobil- und in der Elektronikindustrie. Aufgrund der zunehmenden Nachfrage nach Elektroautos sowie elektronisch immer anspruchsvollerer Systeme haben diese Industrien einen immer höheren Bedarf an Personal.

Gleichzeitig falle es Studierenden aus diesen Bereichen zunehmend schwer, sich genaue Vorstellungen über ihre berufliche Zukunft und ihre konkreten Tätigkeiten zu machen, erklärt Takeshi Nonaka, Leiter der Abteilung Human Resources bei Mitsui Chemicals. Das Unternehmen versucht daher, sowohl allein als auch als Teil einer Industriegruppe, Studierenden das Karrierepotenzial in der Chemiebranche nahezubringen. Deshalb entsendet Mitsui Chemicals zum Beispiel jedes Jahr Mitarbeiter in die Forschungslabore von deren ehemaligen Universitäten, damit diese dort das Unternehmen bei Studierenden bekanntmachen. Außerdem organisiert das Unternehmen Werksführungen, auf denen die Studierenden die Gelegenheit haben, mit jungen Ingenieuren über Karrieremodelle und Zukunftsaussichten ins Gespräch zu kommen.

Japans Chemieindustrie fällt es inzwischen schwer, den Bedarf an neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wie traditionell üblich allein mit Hochschulabsolventen zu decken. Dies gilt nicht nur für Positionen mit wissenschaftlichem Hintergrund, sondern auch für eine Reihe von Stellen in anderen Bereichen. Die Auswirkung davon spüren Personalberater, die immer mehr Anfragen von Chemieunternehmen nach passenden Kandidaten bekommen.

Von diesem Trend profitiert unter anderem auch Robert Walters, eine britische Personalvermittlungsagentur für mehrsprachige Kandidaten. Hat das Unternehmen bis vor Kurzem in Japan vor allem westliche Unternehmen bedient, verzeichnet es nun auch eine stärkere Nachfrage von japanischen Klienten auf der Suche nach qualifiziertem Personal. Laut Tom Kiley, Associate Director bei Robert Walters in Japan, hält das Angebot nicht mit der Nachfrage Schritt. Neben Herstellern von Elektroautobatterien gilt dies unter anderem für die Bereiche Kosmetik und Functional Food, in denen eine Reihe von Chemieunternehmen tätig ist. Kiley sieht diesen Trend auch 2019 fortbestehen.

Im vergangenen Jahr betrug das Verhältnis von Stellenangeboten zu Arbeitsuchenden in der Branche noch 12:1 für zweisprachige Bewerber mit einer Mindesterfahrung in naturwissenschaftlichen Positionen und einem Alter im „sweet spot“ zwischen Anfang 30 und Anfang 40. In diesem Jahr beträgt das Verhältnis schon 20:1.

 

Auch in Japan tätige ausländische Unternehmen schreiten zur Tat. Vor dem Hintergrund, dass Japan eine entwickelte Wirtschaft mit einer alternden Bevölkerung ist, beschleunigen sie ihre Bemühungen, Kosmetik, funktionelle Lebensmittel und weitere, auf ältere Menschen ausgerichtete Produkte an Senioren liefern zu können. Auf der Personalseite bedeutet dies für die Unternehmen, die eigenen Forschungs- und Entwicklungsteams im Land spürbar zu stärken.

Außerdem etablieren immer mehr ausländische Unternehmen regionale Funktionen mit Asien-Pazifik-Verantwortung in Tokio. Dies ist darauf zurückzuführen, dass eine steigende Anzahl von Chemieunternehmen Japan als Basis für Materialspezifikationen in der gesamten Region nutzt. Auch dieser Trend verstärkt die Nachfrage nach erfahrenen Kandidaten. Die Personalberatung Robert Walters erwartet, dass diese Entwicklung auch in Zukunft anhält.

Die größte Herausforderung für Chemieunternehmen besteht darin, Mitarbeiter für den kontinuierlichen und sicheren Betrieb von Produktionsstätten zu gewinnen. Für große Unternehmen lauten die Schlüsselwörter in diesem
Zusammenhang „weiblich“ und „digital“. Entsprechend suchen sie häufiger nach Mitarbeiterinnen als früher und sind aufgeschlossener gegenüber technischen Neuerungen im Bereich der Digitalisierung.

Das japanische Unternehmen DIC stellt Druckfarben, Pigmente, Flüssigkristalle, synthetische Harze und Polymere sowie organische Chemikalien her. Dort ist man verstärkt auf der Suche nach weiblichen Produktionsmitarbeitern. Das Unternehmen möchte zukünftig 200 Frauen auf solchen Stellen beschäftigen und diese damit in Einklang mit der Gesamtquote der weiblichen Angestellten des Unternehmens bringen, erklärt Managing Executive Officer Masaya Nakafuji. Gleichzeitig verstärkt DIC die weitere Automatisierung seiner Produktion durch „Robotic Process Automation“ (RPA) und das „Internet der Dinge“ (IoT), ergänzt Senior Manager Masashi Hanada. Dies betrifft vor allem eine beträchtliche Anzahl von Arbeitsschritten für spezielle, kleinvolumige Produkte, bei denen noch manuelle Arbeit geleistet wird.

Bei Mitsubishi Chemical gehen die Überlegungen derzeit dahin, das Design von Arbeitsplätzen in Werkhallen mit Rücksicht auf Bedürfnisse von Frauen umzugestalten, sagt Vorstandsmitglied Kazuyuki Futamata. Das Unternehmen plant für 2020 den Start einer umfassende Rekrutierungskampagne für Produktionsmitarbeiterinnen.

Obwohl Mitsui Chemicals seit mittlerweile 27 Jahren Frauen in der Produktion beschäftigt, ist ihre Quote im Vergleich zu Männern nach wie vor niedrig, erklärt Takeshi Nonaka. Um die Zielquote von fünf Prozent zu erreichen, richtet das Unternehmen den Blick auf die Schaffung einer angenehmen Arbeitsumgebung.

Sumitomo Chemical betrachte laut Executive Director Yasuaki Sasaki seine Produktionsstätten im In- und Ausland generell unterschiedslos. Allerdings beabsichtige die Firma auch in Zukunft substanzielle Produktionskapazitäten zu unterhalten, was die Gewinnung von zusätzlichen Produktionsmitarbeitern in Japan notwendig mache. Weiterhin legt Sumitomo Chemical im nächsten mittelfristigen Managementplan für die Jahre 2019 bis 2021 einen Schwerpunkt auf digitale Transformation. Dieser Plan sieht unter anderem den weiteren Ausbau von „intelligenten Fabriken“ vor.

Dieser Beitrag erschien zuerst im JAPANMARKT Nr. 4/2018.

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