Seit diesem Sommer hat ein neues interaktives Museum in Tokio bereits hunderttausende Besucher in seinen Bann gezogen und in einen Rausch aus Licht und Farben versetzt. Dahinter steckt ein Künstlerkollektiv, das die Grenze zwischen Kunst und Technik verwischen will.

Von Marei Mentlein und Yuko Makita

 

Die Ausstellung „Borderless” ist ein überdimensionales Labyrinth aus Licht und Farben. Wie Alice im Wunderland folgen die Besucher nicht nur einem, sondern gleich einer ganzen Karawane von weißen Kaninchen und Fröschen von einem Raum zum anderen. „Bei traditionellen Kunstwerken gibt es keine Interaktion zwischen den einzelnen Werken. Mona Lisa tritt nicht plötzlich aus ihrem Bild heraus und steigt in ein Gemälde von Monet“, sagt Ken Kato vom japanischen Künstlerkollektiv teamLab, das die Ausstellung kreiert hat. „Bei uns ist so etwas möglich, denn unsere Kunstwerke sind komplett digital.“

Auf zwei Etagen und 10.000 Quadratmetern können Besucher seit Sommer 2018 im Mori Building Digital Art Museum durch das größte digitale Kunstwerk Asiens – wenn nicht sogar der Welt – wandeln. In dem Museum gibt es keine vorgegebene Route, kein Richtig oder Falsch bei der Betrachtungsweise der digitalen Farbkreationen. Wo ist der Anfang, wo das Ende? Das spielt keine Rolle.

„In den letzten Jahren sieht man immer häufiger Installationen, die mit Projektionsmapping (Anm. d. Red.: Verfahren, mit einem Projektor Oberflächen zu beleuchten und dabei deren Struktur miteinzubeziehen) arbeiten. Aber dass die Werke nicht nur untereinander kommunizieren, sondern auch mit dem Betrachter interagieren, ist komplett neu“, sagt Kato im JAPANMARKT-Interview. So kommt es, dass sich die Besucher plötzlich inmitten eines grenzenlosen Kunstwerks wiederfinden.

Bleibt man angesichts der projizierten Farbpracht staunend stehen, sprießen einem plötzlich Blumen aus den Füßen, umspielt von digitalem Wasser. In einem anderen Raum malen Groß und Klein eifrig Umrisse von Krokodilen und Schmetterlingen mit Wachskreide aus. Die fertigen Kreationen werden mit einem speziellen Scanner eingescannt – einem Patent von teamLab – und erwachen so zum Leben. Schon kurz nach dem Scanprozess kriechen und flattern die bunten Kunstwerke über Boden und
Wände.

Die Besucher werden bei „Borderless“ selbst zu Künstlern. „Wir wollten erreichen, dass die Besucher sich gegenseitig nicht als Störfaktoren sehen, die im Weg stehen. Dank eines anderen Besuchers erscheint da plötzlich ein Krokodil oder die Installation verändert sich“, erläutert Kato das Konzept. „Ohne Besucher funktionieren die Kunstwerke nicht. Wir nennen das ‚Co-Creation‘. Darüber hinaus ist es für viele Besucher einfach schön, wenn sie erkennen, dass sie durch ihren Beitrag ein Teil von Kunst werden können.“ Ermöglicht wird das Farbspektakel zum Eintauchen durch ein Zusammenspiel von zahllosen Sensoren, 520 Computern und 470 Projektoren der Firma Epson, die Hauptsponsor des Museums ist.

Kunst zum Updaten
Seit ihrer Gründung 2001 hat die teamLab-Künstlergruppe mit ihren interaktiven Kunstwerken viel Aufmerksamkeit in
Japan und weltweit erregt. „teamLab ist eine Vereinigung von Technikern und Künstlern, die sich die Frage stellten, was passieren würde, wenn man diese beiden Welten zusammenbringt“, erklärt Kato.

Die digitale Ausstellung ist nicht die erste Zusammenarbeit von teamLab und dem Immobilienriesen Mori Building. Schon bei früheren Projekten wie dem Kunst-Event „Roppongi Art Night“ und bei „Public Art“ im neuen Einkaufszentrum Ginza Six hat sich die Kooperation bewährt. „Unser Ziel ist es, gemeinsam Kunst in die Stadt zu integrieren und gleichzeitig die Präsenz der Stadt Tokio weit über die Olympischen Spiele 2020 hinaus zu erhalten und zu erhöhen“, sagt der Projektleiter des Mori Building Digital Art Museum, Ou Sugiyama. Von Immobilienentwicklern werde heute nicht nur ihr traditionelles Handwerk erwartet, sondern auch, dass diese eigene Inhalte kreieren und neue Geschäftsmodelle entwickeln.

Beim Standort fiel die Wahl auf die künstliche Insel Odaiba, die 2020 Austragungsort einiger olympischer Disziplinen sein wird. „Natürlich hätten wir das Museum auch an einem anderen Ort, zum Beispiel auf Hokkaido, eröffnen können, aber es wäre sicherlich schwierig gewesen, außerhalb von Tokio konstant Besucher anzulocken“, so Kato. Allein in den ersten drei Monaten nach der Eröffnung bestaunten 500.000 Besucher und 1.000 Medienvertreter das Museum, dessen ungewöhnliches Konzept durch die clevere Nutzung sozialer Medien in alle Welt getragen wird: Fotografieren ist erlaubt, ja sogar ausdrücklich erwünscht.

Das grenzenlose Kunstwerk auf Odaiba ist im besten Sinne ein „Work in Progress“, das zugleich von früheren Projekten zehrt: „Wir nutzen die Erfahrungen unserer Installationen weltweit, um unsere Kunstwerke zu verbessern. In Zukunft wollen wir auch die gesammelten Daten aus unserem neuen Museum für neue Projekte verwenden“, erklärt Kato. Daher seien viele Installationen zu sehen, die vorher schon einmal an einem anderen Ort zeitlich begrenzt ausgestellt und inzwischen – da alles über Programme laufe – einfach upgedatet wurden. Ein originelles Geschäftsmodell, das nicht zuletzt Kosten spart. Auch die „Borderless“-Ausstellung hat seit ihrer Eröffnung schon einige Updates durchlaufen, weitere sind geplant. Für die Weihnachtszeit will das teamLab Teile der Ausstellung durch winterliche Motive verändern. „Anders als bei traditionellen Kunstwerken verliert digitale Kunst nicht an Wert, wenn man sie verändert“, sagt Kato. „Sie gewinnt durch Updates sogar dazu.“

 

Dieser Beitrag erschien zuerst im JAPANMARKT Nr. 4/2018.

Bild: AHK Japan