Tokio (JAPANMARKT) – Recruit Holdings gehörte einst zu den Schönheitsfehlern der Japan AG. Daraus wurde inzwischen ein vielversprechendes Online-Unternehmen.

Aufstieg nach Skandal

Einst war Recruit das Symbol für die dunklen Seiten der japanischen Wirtschaft. Gründer Hiromasa Ezoe schmierte Politiker mit Aktienoptionen einer Tochtergesellschaft vor deren Börsengang. Darüber stürzte Premierminister Noboru Takeshita. Ezoe spekulierte auch mit Immobilien. Als die Blase der achtziger Jahre platzte, saß sein Unternehmen auf 14 Milliarden Dollar Schulden.

Doch anschließend erfand sich das Unternehmen neu. Eine eigene Webseite ging 1995 im gleichen Jahr online, als die erste Internetsuchmaschine Yahoo gegründet wurde. Heute betreibt Recruit rund 200 Webseiten und 350 Apps, viele davon Online-Versionen von Print-Magazinen wie „Jalan“ (Reiseführer) und „Travail“ (Jobs für Frauen). Aber fast die Hälfte des Umsatzes stammt inzwischen aus Zukäufen im Ausland.

Hohe Börsenbewertung

Zum Lohn ist der Börsenwert von Recruit heute vier Mal größer als von Japans größtem Online-Einkaufsportal Rakuten, das sich einmal als Amazon-Wettbewerber gebärdete. Das Geschäftsmodell von Recruit sieht allerdings etwas anders aus als bei Amazon (Verkauf von Waren) und Google (Werbung).

Als Vermittler zwischen Kunden und Unternehmen kassiert Recruit eine Provision und wertet die Daten als Berater seiner Kunden gewinnbringend aus. „Hot Pepper“ zum Beispiel ist Japans führendes Restaurant-Bewertungsportal und Suumo, die Plattform vom Vermieten bis zum Verkaufen von Wohnungen und Häusern, ist Marktführer für die Immobilienvermittlung.

Abweichung vom Standard

Das Spannende dieser Erfolgsgeschichte liegt aus ausländischer Sicht woanders: Recruit handelt absichtlich anders als „normale“ Unternehmen in Japan. Nach einer Neuanstellung werden die Berufsanfänger „ermächtigt“, die bisherige Arbeits- und Denkweise in Frage zu stellen. Es gibt interne Start-up-Wettbewerbe, bei denen innovative Ideen konkurrieren.

Bei Recruit hält man auch wenig von lebenslanger Beschäftigung. Wer länger als sechseinhalb Jahre bei Recruit arbeitet, bekommt beim Verlassen des Unternehmens eine vorzeitige Abfindung. Das erleichtert die Jobsuche anderswo. Daher werben viele Headhunter gezielt Recruit-Mitarbeiter an.

Das Durchschnittsalter der Angestellten beträgt nur 35 Jahre. Kaum ein Mitarbeiter erreicht das Pensionsalter. Damit beweist Recruit, dass man auch mit anderem Stil in Japan großen Erfolg haben kann.

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