Tenno Akihitos Rücktritt am 30. April ist nicht nur der erste eines japanischen Kaisers in über 200 Jahren, er setzt auch ganz im wörtlichen Sinne den Schlusspunkt einer Ära. Was bleibt von der Heisei-Zeit? Eine Rückschau

Von Johanna Bieger

 

Der Tenno ist müde. 85 Jahre im Kaiserhaus, davon 31 auf dem Thron, geschätzte 8.000 Audienzen, viele Reisen im In- und Ausland, dazu mehrere Operationen, all dies hat Spuren hinterlassen. Wenn Akihito Ende April zurücktritt – ein außergewöhnlicher Schritt für einen japanischen Kaiser – bricht eine neue Zeitrechnung an. Im wahrsten Sinne des Wortes: Der Gregorianische Kalender hat das in Japan übliche nengo-System nie ganz verdrängt. Deswegen leben Japaner gegenwärtig nicht im Jahr 2019, sondern im Jahr Heisei 31. Die Bezeichnung orientiert sich an den Amtsjahren des Kaisers und erhält den Namen des Mottos, das dieser für seine Regentschaft vorgibt. Akihito wählte „Heisei“, „Frieden überall“. Krieg ist den Japanern in der Tat seither erspart geblieben. Trotzdem sind die letzten 30 Jahre als höchst turbulente und einschneidende Epoche in die japanische Geschichte eingegangen.

Geplatzte Träume

Es war ein anderes als das heutige Japan, dessen Chrysanthementhron Akihito am 7. Januar 1989 bestieg. Damals kostete im Tokioter Luxusviertel Ginza der Quadratmeter in Bürogebäuden 1,5 Millionen US-Dollar, der Kaiserpalast selbst war mit geschätzten 852 Milliarden US-Dollar teurer bewertet als alle Immobilien in Kalifornien zusammen. Kurz vor Neujahr war der Nikkei 225 bereits auf ein Rekordhoch von 39.000 Punkten geklettert; vier Jahren zuvor hatte er noch bei 13.000 gestanden. Viele glaubten, dass Japan die westlichen Industriemächte bald hinter sich lassen und zur größten Wirtschaftsmacht der Welt aufsteigen würde.
Doch nur wenige Jahre nach Beginn der Heisei-Zeit sollte sich dies als Höhepunkt einer beispiellosen Aktien- und Immobilienblase erweisen. Mit ihrem Platzen in den frühen neunziger Jahren stürzte Japan in „zwei verlorene Dekaden“ (ushinawareta nijunen), die das Land im Innersten erschütterten. Bis 1992 fiel der Nikkei auf 15.000 Punkte zurück. Die Konsumausgaben brachen ein, das Bruttoinlandsprodukt stagnierte, das Schreckgespenst Deflation ging um. Japanische Unternehmen, darunter Schwergewichte wie Sony und Toyota, hatten gegenüber chinesischer und koreanischer Konkurrenz zunehmend das Nachsehen, die mit niedrigen Personal- und Herstellungskosten auftrumpfen konnte.

Neue Lebensstile

Junge Erwachsene litten besonders unter der veränderten Arbeitsmarktsituation, vor allem junge Männer. Bis heute gilt ein gut bezahlter Arbeitsplatz auf Lebenszeit in der japanischen Gesellschaft als wichtiger Marker für Maskulinität und Reife – und für viele Japanerinnen als unverzichtbares Kriterium für einen Ehepartner. Wegen der Nachwehen der Bubble Economy war dies jedoch auf einmal für viele Männer nicht mehr erreichbar. Die Folge war ein Werte- und Lebensstilwandel während der Heisei-Zeit: Die „typische japanische Familie“ der Nachkriegszeit mit Vater als Brotverdiener und Mutter als Hausfrau, die sich um die

Kinder kümmert, erodierte. Stattdessen zögern nun immer mehr Japaner angesichts der ungewissen wirtschaftlichen Lage Heirat und Familiengründung hinaus. Außerdem wollten viele junge Japaner, anders als ihre Eltern und Großeltern, ihr Leben nicht länger vollständig in den Dienst eines Unternehmens stellen. Der vormals angestrebte salaryman- Status büßte an Reiz ein.

Wenig Kontinuität

Auch in der Politik steht Heisei für eine Epoche des Wandels. 1993 verlor die Liberaldemokratische Partei (LDP) zum ersten Mal in 38 Jahren die Mehrheit im Parlament. Die neue Regierung bildete eine Koalition aus acht Parteien, die von Premierminister Morihiro Hosokawa, dem Vorsitzenden der Partei Nihon Shinto, angeführt wurde. Doch nur 8 Monate später wurde er durch einen Bestechungsskandal zum Rücktritt gezwungen. In den Folgejahren drehte sich das Politkarussell schnell: 17 Premierminister gaben sich in 30 Heisei-Jahren die Klinke in die Hand, vier von ihnen hielten sich nicht einmal ein Jahr.
Dies änderte sich erst Ende 2012, als der LDP mit Shinzo Abe das Comeback gelang. Abe ist nun inklusive seiner ersten Amtszeit (2006/07) der am längsten regierende japanische Premier der Nachkriegszeit.
Die Heisei-Zeit war außerdem geprägt von Katastrophen, zum Beispiel der Sarin-Giftgasanschlag auf die Tokioter U-Bahn 1995 und das verheerende Erdbeben von Kobe im selben Jahr. Die Dreifachkatastrophe in Ostjapan 2011 wirkt sich noch heute auf die Nation aus, vor allem auf die betroffenen Gebiete an der Pazifikküste.

Wichtige Veränderungen

Zugleich hat Japan in der Heisei-Zeit einige wichtige Transformationsprozesse durchlaufen und sich den Herausforderungen mit einer gesunden Dosis Realismus gestellt. Von einer homogenen japanischen Mittelstandsgesellschaft wie zur Showa-Zeit unter Kaiser Hirohito kann heute nicht mehr die Rede sein. Die Schere zwischen Arm und Reich, zwischen festen und befristeten Angestellten hat sich geöffnet. Zugleich ist der Arbeitsmarkt flexibler und durchlässiger geworden. Arbeitsplatzwechsel und der Schritt in die Selbstständigkeit sind heute anders als früher keine Seltenheit mehr.
Ob auf dem Arbeitsmarkt oder im Privatleben – Frauen nehmen seit der Heisei-Zeit zunehmend aktivere Rollen ein und sind selbstbewusster geworden. Der Anteil der erwerbstätigen Japanerinnen ist seit 1990 um mehr als 10 Prozent auf knapp 70 Prozent angestiegen. Bis spätestens 2030 will Japan hier die 80-Prozent-Marke durchbrechen. Angesichts des immer stärker
spürbaren Arbeitskräftemangels ist Japan zudem dabei, seine Grenzen für ausländische Arbeitskräfte zu öffnen, wenn auch vorerst noch unter relativ restriktiven Bedingungen.
Anders als die Bezeichnung „verlorene Jahrzehnte“ nahelegt, waren die 30 Jahre Heisei unter Tenno Akihito also keine verschenkte Zeit, sondern eine wichtige Periode des Wandels, in der die Weichen neu gestellt wurden. Thronfolger Naruhito kündigte zu seinem 59. Geburtstag am 23. Februar an, dass er zwar seinen eigenen Weg gehen, aber auch den Fußspuren seines Vaters folgen werde, der die Rolle des Tenno modernisiert hatte. „Wie (der aktuelle Kaiser und die Kaiserin) dies getan haben, möchte ich den Menschen immer nahe sein und ihre Freuden und ihr Leiden mit ihnen teilen, um meine Pflicht als Symbol des Staates zu erfüllen.“

 

Dieser Beitrag erschien zuerst im JAPANMARKT Nr. 1/2019.

Titelbild: Flickr/Richard Hopkins/CC BY-NC 2.0