Tokio (JAPANMARKT) – Wer in der Heisei-Zeit geboren wurde, darf sich auf höherbezahlte Jobs mit einer besseren Work-Life-Balance freuen. Dafür sorgt die Lage am Arbeitsmarkt.

Arbeitnehmer im Vorteil

Für viele Ökonomen ist die Sache einfach: Wenn die Erwerbsbevölkerung – also die Bevölkerung im Alter zwischen 15 und 64 Jahren – schrumpft, dann muss auch die Wirtschaftsleitung schrumpfen. Deswegen soll Japan keine Zukunft mehr haben, so die naheliegende Schlussfolgerung.

Die ökonomische Realität sieht ganz anders aus: In den zwei Jahren zwischen Februar 2017 und Februar 2019 sank die Bevölkerung in Japan um 840.000 Menschen. Doch die Zahl der Beschäftigten in Japan stieg im gleichen Zeitraum um 2,3 Millionen auf den Rekord von 66,56 Millionen.

Mehr Geld, besseres Umfeld

Weniger Menschen, aber mehr Jobs – die japanische Wirtschaft wächst also und braucht dringend Arbeitskräfte. Auf dem Arbeitsmarkt haben daher die Arbeitnehmer das Heft in die Hand genommen. Das gilt besonders für Twens, die nach ihrer Ausbildung in Schule und Universität den Arbeitsmarkt betreten.

Wer ihre Arbeitskraft haben will, muss gutes Geld und ein gutes Arbeitsumfeld anbieten. „Der verschärfte Krieg um Talente wird Japans Arbeitskultur mehr als alles andere verändern“, analysiert der deutsche Ökonom Jesper Koll den Trend.

Der Japan-Chef des Aktienindexfondsanbieter Wisdom Tree sieht auch eine sozio-psychologische Auswirkung: Wer als Arbeitnehmer gefragt und geschätzt ist, der engagiere sich aktiv in einer zielorientierten Wirtschaft. Die alten Generationen hätten keine andere Wahl, als um die Dienste der Jungen zu werben. Das hätten ihre Eltern nicht erlebt, schreibt Koll.

Arbeitgeber müssen umdenken

Eine Folge dieses Arbeitskräftemangels zeichnet sich bereits deutlich ab: Erstmals seit zwei Jahrzehnten wächst die Zahl der Arbeitsplätze mit Festanstellung. In den zwei Jahren bis Februar 2019 wurden laut Koll 890.000 solcher Stellen geschaffen. Viele Unternehmen wandeln Zeitarbeiterjobs in feste Stellen um, damit sie gute, eingearbeitete Arbeitskräfte nicht verlieren.

Die Schwarzseher sagen, dass Japan irgendwann die Arbeitskräfte ausgehen werden. Aber derzeit beträgt der Anteil der Beschäftigten an der Erwerbsbevölkerung (15- bis 64-Jährige) 78 Prozent. In der Schweiz sind es 84 Prozent. Es gibt also Spielraum nach oben. Zugleich hat Japan kürzlich die Einwanderung von ausländischen Arbeitskräften erlaubt.

Allerdings stellt die Umkehrung der Machtverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt neue Anforderungen an die Arbeitgeber: In der Vergangenheit haben sie an ihren „Human-Ressourcen“ gespart, die Löhne gedrückt und auf Zeitarbeiter gesetzt. In der Zukunft müssen sie in ihre Arbeitskräfte investieren, um sie überhaupt zu bekommen. Außerdem lassen sich neue Technologien wie Künstliche Intelligenz sonst nicht sinnvoll im Unternehmen nutzen.

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