Tokio (JAPANMARKT) – Die „Arbeitsstilreform“ der Regierung soll die Zahl der Überstunden verringern. Jetzt wirbt die Politik dafür, dass dies für alle Unternehmen gelten muss.

Begrenzte Überstunden

Eine gute Absicht erzeugt nicht immer ein gutes Ergebnis. Diese Sorge beschäftigt auch die japanische Regierung. Die erstmalige Begrenzung der Überstundenzahl per Gesetz soll die Unternehmen zu Wegen ermutigen, dass ihre Beschäftigten die Büros früher verlassen können.

Dabei geht es im Kern darum, den traditionellen Arbeitsstil zu verändern. Bisher verbringen die Beschäftigten übermäßig viel Zeit am Arbeitsplatz, ohne im internationalen Vergleich produktiver zu sein als etwa Beschäftigte in Deutschland. Die vielen Überstunden bringen Japan also keinen Vorteil.

Gleichzeitig erschweren die langen Arbeitszeiten, dass Frauen Beruf und Kind möglichst frühzeitig miteinander verbinden können. Aber es müssen mehr Frauen erwerbstätig werden, um den starken Mangel an Arbeitskräften in Japan zu lindern. Außerdem führen weniger Überstunden tendenziell dazu, dass die Unternehmen mehr Beschäftigte fest anstellen müssen.

„Mobbing einstellen“

Jedoch fällt der teure Schwenk zu weniger Überstunden Großunternehmen leichter als kleinen und mittleren Unternehmen, die einen geringeren Finanz- und Personalpuffer haben. Deswegen lancierte die Regierung jetzt eine Werbekampagne. Darin forderte sie die Konzerne auf, den Arbeitsstress nicht an kleine und mittlere Unternehmen auszulagern.

Das offizielle 30 Sekunden lange Video zeigt total erschöpfte Mitarbeiter von kleinen Unternehmen. Dazu wird die Aufforderung eingeblendet, das Mobbing (ijime) von Subunternehmen und Zulieferern einzustellen. Damit reagiert das japanische Kabinett offenbar auf Erkenntnisse, wonach die Überstundenbegrenzung nicht überall gleich funktioniert.

Problembewusstsein wächst

Die Arbeitsstilreform, von Premierminister Shinzo Abe als „wichtigstes Gesetz des Jahres“ bezeichnet, war im April in Kraft getreten. Unternehmen dürfen nun nicht mehr als 60 Überstunden im Monat von ihren Mitarbeitern verlangen, außer zu besonderen Anlässen, etwa vor dem Jahresabschluss Ende März. Außerdem müssen sie dafür sorgen, dass jeder Mitarbeiter mindestens fünf Urlaubstage nimmt.

Zwar liegt die Obergrenze immer noch sehr hoch, aber das Gesetz stärkte das Problembewusstsein und die Veränderungsbereitschaft. Denn jüngere Japaner sind weniger bereit, so viel Arbeitszeit wie ihre Eltern im Unternehmen zu verbringen. Viele betrachten ihren Arbeitgeber nicht mehr als ihre Familie, sondern eher als Brötchengeber. Daher sind sie weniger motiviert, etwa die oft üblichen unbezahlten „Service“-Überstunden zu leisten.

In diesem Zusammenhang überrascht eine Statistik der OECD über die Menge der jährlichen Arbeitsstunden im Vergleich der Mitgliedsstaaten. Danach arbeitet ein japanischer Beschäftigter im Jahr 1.710 Stunden und damit 36 Stunden weniger als der OECD-Durchschnitt. Allerdings könnten die vielen Teilzeitarbeiter in Japan diese Statistik verzerren.

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