Tokio (JAPANMARKT) – Japanische Unternehmen kaufen so viel im Ausland zu wie nie zuvor. Aber in dieser Hinsicht passiert auch auf dem Heimatmarkt viel.

Rekord im Halbjahr

Gemäß dem Datendienstleister Refco haben japanische Unternehmen im ersten Halbjahr 2019 insgesamt 434 ausländische Übernahmen eingefädelt, wenn man Kapitalbeteiligungen und Investitionen mitzählt. Das sind fast dreißig Prozent mehr als im Vorjahr und bedeutet den vierten Rekord für das erste Halbjahr in Folge.

15 Auslandszukäufe überstiegen 100 Milliarden Yen (820 Millionen Euro). Davon gingen neun auf das Konto der investitionsfreudigen Softbank Group. Mitsubishi UFJ Financial Group erwarb die Flugzeugfinanzierung der deutschen DVB Bank für 5,6 Milliarden Euro. Japans größter Farbenhersteller Nippon Paint schluckte den australischen Marktführer Dulux Group für umgerechnet 2,5 Milliarden Euro.

Fokussierung im Inland

Angesichts dieser Entwicklung geht ein anderer starker Trend leicht unter: Auch der japanische Binnenmarkt erlebt eine Welle von Fusionen und Übernahmen. Ihre Zahl summierte sich im ersten Halbjahr gemäß Refco-Daten auf den Rekordwert von 2.082. Das waren 16 Prozent mehr als im Vorjahr.

Ein typisches Beispiel: Omron verkaufte im April das Automobilgeschäft an den Elektromotorspezialisten Nidec, der seit einigen Jahren sich als Zulieferer für die Autoindustrie positioniert. Die Sparte brachte im abgelaufenen Jahr zwar noch 4,6 Prozent operative Rendite ein, aber Omron will sich lieber auf seine Schwerpunkte Automatisierung und medizinische Ausrüstung konzentrieren.

Für das Gesamtjahr erwartet der Dienstleister Reco 4.500 M&A-Transaktionen. Das wäre ebenfalls ein neues Höchst. Das Volumen der meisten Deals ist relativ klein, sodass es keine Schlagzeilen dazu gibt. Aber immer mehr Unternehmen betrachten ihr Produkt- und Service-Portfolio mit Abstand und bauen es um.

Gründe für Veränderung

Für die neue Bereitschaft zur Veränderung nennt die Unternehmensberaterin Nobuko Kobayashi von EY-Parthenon verschiedene Gründe. Erstens übernimmt in vielen Unternehmen eine Manager-Generation das Ruder, die die „Blasenwirtschaft“ der achtziger Jahre nicht erlebt haben. Sie kennen nur eine wachstumsarme Wirtschaft und ziehen daraus eigene Schlüsse für das Überleben ihres Unternehmens.

Auch die Digitalisierung vieler Branchen erzeugt Wandlungsdruck. Vielen Konglomeraten fehlt das Kapital für die notwendigen Investitionen in neue Technologien. Zugleich verläuft die Digitalisierung so rasant, dass diese Konzerne das notwendige Knowhow nicht mehr – wie in der Vergangenheit – komplett selbst entwickeln können.

Als weiteren Grund nennt die Beraterin Kobayashi die Einsicht vieler Unternehmen, sich lieber mit Japanern zusammenzuschließen. Auf diese Weise lassen sich die häufigen interkulturelle Missverständnisse von Auslandszukäufen vermeiden und übernommene Unternehmen schneller integrieren.

Zudem kommt es wegen des hohen Personalmangels über Übernahmen kaum zu Jobverlusten. Solche Bedenken bezüglich Arbeitsplätzen standen einer innerjapanischen Konsolidierung in der Vergangenheit oft im Weg.

Foto: Skyline von Nagoya (Pxhere CC0)