Seit China Anfang 2018 einen Importstopp auf Kunststoffabfälle verhängte, fragt man sich in Japan, wohin mit dem Plastik. Während andere Länder den Verbrauch zurückschrauben wollen, setzt Japan verstärkt auf Bioplastik und Recycling.

Von Hanna Makino (DEinternational-AHK Japan)

 

Idyllische Reisfelder, bewaldete Berge, vereinzelte Häuser hier und da – Kamikatsu in der Präfektur Tokushima auf der Insel Shikoku könnte mit seinen etwa 1.500 Seelen ein japanisches Dorf wie jedes andere sein. Und doch generieren Youtube-Videos der Ortschaft mehr als eineinhalb Millionen Klicks: Kamikatsu ist Japans berühmte „Zero Waste Town“. Alle Anwohner hier müssen sich an die rigorosen Regeln zur Mülltrennung halten; ganze 45 Recycling-Kategorien gibt es. Dass dies nicht immer einfach ist, zeigt eine ältere Anwohnerin in einem der Videos. Sie hat in Küche und Scheune mehrere Eimer aufgestellt, in die sie mühsam ihren Hausmüll sortiert, bevor sie ihn zur Müllsammelstelle bringt; die Müllabfuhr kommt nämlich nicht vorbei. Dennoch halten sich die meisten Dorfbewohner an die Regeln. Kamikatsu ist stolz darauf, dass bereits jetzt 80 Prozent des gesamten Mülls recycelt werden. Bis 2020 soll die Rate auf 100 Prozent steigen.

In den vergangenen Jahren ist das Thema der Umweltverschmutzung durch Plastikmüll auf den Tagesordnungen immer weiter nach oben gerutscht – und zwar weltweit. Dafür hat auch der Bericht „The New Plastics Economy“ der Ellen MacArthur Foundation gesorgt. Dieser sagt voraus, dass im Meer bis 2050 mehr Plastikteile als Fische schwimmen werden. Diese Nachricht hat auch in Japan große Aufmerksamkeit erregt. Bereits im Vorfeld hatte Japan eigene Untersuchungen durchgeführt, die eine besorgniserregende Menge an Plastikmüll im Ozean vermuten ließen. So hat zum Beispiel das japanische Umweltministerium von 2010 bis 2015 an sieben großen japanischen Stränden Müll gesammelt und untersucht. Laut der Ergebnisse, die im August 2018 veröffentlicht wurden, handelte es sich bei 64 bis 86 Prozent des angeschwemmten Treibguts um Plastik.

Der Auslöser für den Recycling-Schub in Tokushima war der Wunsch, den Bau einer teuren Müllverbrennungsanlage zu vermeiden. Daraus ist inzwischen ein Gemeinschaftsprojekt mit Vorbildfunktion geworden, das sich wieder auf eine vormals in Japan hochgehaltene Tugend besinnt, die man mit mottainai umschreibt, also das Bemühen, möglichst nichts zu verschwenden. Angelehnt daran hält die japanische Regierung offiziell bereits seit 2004 die drei R hoch: „Reduce, Reuse, Recycle“.

Und doch, wer nach Japan reist, ist immer wieder überrascht ob der großen Menge an Kunststoffverpackungen. Im Supermarkt ist Obst und Gemüse generell in Plastik eingeschweißt. Bereits verpackte Süßigkeiten liegen oft in Plastikschalen innerhalb einer weiteren Plastikverpackung. An der Kasse wird den Kunden die Plastiktüte regelrecht aufgedrängt. Die Gewährleistung der Qualität der Waren sowie der Kundenservice kommen an erster Stelle; der Umweltgedanke wird hintangestellt.

Zweitgrößter Produzent
Japan ist nach den USA pro Kopf gemessen der weltweit zweitgrößte Produzent von Einwegplastik. 2018 betrug die inländisch produzierte Plastikmenge etwa 5,87 Millionen Tonnen. Laut des Umweltministeriums landen knapp 60 Prozent des anfallenden Plastikmülls zur energetischen Verwertung in Müllverbrennungsanlagen, nur etwa 25 Prozent werden recycelt.

 

 

Lange wurde ein beträchtlicher Teil zum Recycling extra ins Ausland verschifft, davon über die Hälfte nach China. 2017 betrug diese Menge 1,43 Millionen Tonnen. Das chinesische Importverbot von Kunststoffabfällen, das China – lange Zeit größter Plastikabnehmer weltweit – Anfang 2018 einführte, hat Japan insofern hart getroffen. Zwar hat China aufgrund von Materialnachfrage zwischenzeitlich die Einfuhrregelung gelockert, um bestimmte Sorten an Plastik wieder zuzulassen. Auf lange Sicht plant die chinesische Regierung jedoch, anstatt der Recycling-Importe die eigene Abfallverwertung zu professionalisieren, da auch inländisch immer mehr Müll entsteht. In Japan versucht man seither, die Plastikmüllexporte auf den südostasiatischen Raum, zum Beispiel auf Länder wie Thailand oder Malaysia, aufzuteilen. Doch auch dort regt sich mittlerweile der Widerstand und Importbeschränkungen werden verhängt.

Die Recyclingindustrie innerhalb von Japan selbst sieht sich bereits überfordert. Knapp 35 Prozent der japanischen Unternehmen erwägen eine Begrenzung der aufzunehmenden Menge an Kunststoffen oder schränken diese bereits ein. Die japanische Regierung hat daher erkannt, dass alternative Lösungen für das zunehmende Plastikproblem notwendig sind. Erste Maßnahmen werden nun ergriffen.

Noch im Juni 2018 verabschiedete das Oberhaus zur Bekämpfung der Meeresverschmutzung ein Gesetz zur Reduzierung von Mikroplastik mit dem Ziel, die Nutzung der winzigen Kunststoffteilchen in Kosmetikprodukten zu verbieten. Die Gesetzgebung fordert Unternehmen wie Hersteller von Gesichtsreinigungsmitteln und Zahnpasta auf, die Verwendung von Mikroplastik in ihren Produkten einzustellen. Sanktionen bei Nichteinhaltung wurden jedoch nicht mit in das Gesetz aufgenommen.

Im Februar 2019 beschloss Japan, ab Beginn des neuen Fiskaljahres im April die Verwendung von Plastiktüten, Plastikstrohhalmen und -besteck in den Convenience Stores und Kantinen der Regierungsgebäude grundsätzlich zu verbieten und die Ausgabe von Plastikflaschen und Einwegbechern bei Konferenzen einzustellen. Diese Regelung soll für alle zentralen Regierungsinstitutionen, einschließlich der Ministerien, Gerichte und regionalen Büros, in Kraft treten.

Die neuen Regelungen können auch als Reaktion auf die Kritik verstanden werden, die Japan im In- und Ausland entgegengebracht wurde, als das Land zusammen mit den USA auf die Unterzeichnung der „Ocean Plastics Charter“ beim G7 Gipfel in Kanada im Juni 2018 verzichtete. Mit der Unterzeichnung verpflichteten sich Kanada, Frankreich, Großbritannien, Italien und Deutschland dazu, sich für die Bekämpfung der Plastikverschmutzung der Ozeane aktiv einzusetzen und u.a. bis 2030 den gesamten anfallenden Plastikmüll recycelbar zu machen. Als Grund für die Entscheidung Japans, sich nicht anzuschließen, wurde vorgebracht, dass die japanische Wirtschaft nicht ausreichend vorbereitet sei und man die Folgen für die Verbraucher nicht abschätzen könne.

Diskussionen unter Diplomaten
Beim anstehenden G20-Gipfel in Japan Ende Juni steht die Reduzierung von Kunststoffabfällen wieder auf der Agenda. Viele G20-Mitglieder sind aufstrebende Volkswirtschaften wie China, Indien und Indonesien mit höheren Wirtschaftswachstumsraten und eigenen strukturellen Herausforderungen. Die japanische Regierung erwägt hier den Vorschlag einer Vereinbarung, die es den Ländern ermöglicht, aus einer Liste von Umweltschutzmaßnahmen je nach wirtschaftlicher Situation frei wählen zu können.

Zudem arbeitet das Umweltministerium derzeit an einem Entwurf für die zukünftige Plastik-Strategie Japans, die konkrete numerische Ziele beinhalten sollen. Einwegkunststoff soll bis zum Jahr 2030 um 25 Prozent reduziert werden; Plastiktüten und Einweggeschirr aus Plastik sollen stark eingeschränkt oder kostenpflichtig gemacht werden. Bis 2035 sollen laut dem Entwurf vom März 2019 sogar alle Verpackungen wiederverwertbar oder recycelbar sein. Zu diesem Zweck will Japan die Recyclingwirtschaft ausbauen und unterstützen. Mit Hilfe einer „Bioplastics Roadmap“, also einer Strategie, um Biokunststoff weiter zu verbreiten, will Japan außerdem bis 2020 eine Steigerung des Einsatzes von Bioplastik auf zwei Millionen Tonnen erreichen. Dies entspricht etwa dem fünfzigfachen Wert der derzeitigen Menge. Für Unternehmen sollen Gelder bereitgestellt werden, um eine wirtschaftliche Massenherstellung von Bioplastik zu erforschen.

Initiativen der Wirtschaft
Auch die Privatwirtschaft schwenkt langsam auf einen grüneren Kurs ein. Die Convenience-Store-Kette 7-Eleven stellte für ihre Läden im Februar testweise Einkaufstüten zur Verfügung, die zum Teil aus Bioplastik hergestellt sind. Dadurch wurde der Kunststoffmüll nach eigenen Angaben um knapp ein Drittel reduziert. Der Konkurrent Family Mart möchte bis Ende 2019 die Plastikverpackungen für Bento-Boxen und Salate um 40 Prozent reduzieren. Natural Lawson sowie das Unternehmen Skylark, das mehrere große Restaurantketten betreibt, verzichten auf Plastikstrohhalme. Das Kosmetikunternehmen Kao produziert seine Nachfüllbehälter für Kosmetikprodukte bereits jetzt zu 15 Prozent aus Biokunststoff sowie aus recycelten Materialien.

Der Getränkehersteller Suntory setzt ebenfalls auf Bioplastik. Er arbeitet derzeit an der Entwicklung von PET-Flaschen aus 100 Prozent biologisch abbaubaren Materialien. Mit seinem Konzept „R2+B“ (Reduce/Recycle + Bio) versucht Suntory zudem, die benötigte Materialmenge zur Herstellung der Plastikflaschen zu reduzieren. Die Plastikflaschen für das stille Mineralwasser („Suntory Tennensui“) haben unter den PET-Flaschen Japans bereits jetzt das geringste Gewicht. Die Deckel bestehen aus 30 Prozent Bioplastik.

Im März 2019 gab Japan Rail East bekannt, dass sie alle Plakate sowie alle Regenschirme, die die Bahngesellschaft bei Bedarf an Fahrgäste vergibt, zukünftig mit dem neuartigen Material Limex herstellen möchte. Es handelt sich dabei um ein innovatives Produkt des japanischen Start-ups TBM auf der Basis von Kalkstein, das als ökologische Alternative zu Papier und Kunststoff eingesetzt werden kann.

In Deutschland wird die Reduzierung von Plastikmüll derzeit großgeschrieben; ab 2021 soll laut einer neuen EU-Richtlinie Einwegplastik komplett verboten werden. Immer mehr „Unverpackt“-Supermärkte finden ihren Weg in die Einkaufsstraßen. Kunden müssen dort ihre eigenen Behälter mitbringen, in die sie Lebensmittel wie Reis, Nudeln oder Müsli füllen können. So können sie ganz ohne Verpackung einkaufen. Im Gegensatz dazu setzt Japan auf andere Strategien, wie etwa Alternativen zu Plastik sowie den Ausbau der Recycling-Möglichkeiten. Premierminister Shinzo Abe machte während des Weltwirtschaftsforums in Davos im Januar 2019 bereits deutlich, dass die Verschmutzung der Weltmeere zwar als wichtiges Problem erkannt wird, die Plastikreduktion jedoch nicht auf Kosten der Wirtschaft stattfinden solle;stattdessen sei Innovation gefragt.

Chancen für deutsche Unternehmen
Genau hier könnten daher deutsche Unternehmen mit neuen nachhaltigen Konzepten ansetzen; gerade verpackungsintensive Branchen wie die Kosmetik- und Nahrungsmittelindustrie könnten von  innovativen Ideen für umweltfreundliche Alternativverpackungen profitieren. Ein Beispiel wäre das Unternehmen PAPACKS, das recyceltes Altpapier sowie Agrarabfälle verwendet und Styropor durch Naturfasern ersetzt, um umweltfreundliche Verpackungen herzustellen. Das Unternehmen BIO4PACK verarbeitet Stärke zur Herstellung von Müllsäcken oder Einkaufstüten, andere wiederum, wie die Firma Leaf Republic, setzt  auf natürliches Laub, aus dem Verpackungen oder Einwegteller entstehen. Im Gegensatz zu Bioplastik, das nur unter extrem hohen Temperaturen kompostiert werden kann, lassen sich die Teller von  Leaf Republic in weniger als einem Monat auf natürlichem Wege kompostieren und sind somit auch für herkömmliche Kompostieranlagen geeignet. Aber auch Entsorgungsunternehmen mit innovativen  Recycling-Verfahren könnten ihre Lösungen in Japan gerade jetzt gewinnbringend einbringen, da  die Nachfrage die inländischen Weiterverarbeitungsmöglichkeiten bei weitem übersteigt. Einen ersten  Schritt in diese Richtung ging im Mai der deutsche Recycling-Dienstleister ALBA, der mit dem  japanischen Abfallentsorger SEIU in Tokio eine Absichtserklärung für ein Joint Venture  unterschrieb. Das Angebot eines kostengünstigen Herstellungsverfahrens für Bioplastik wäre eine weitere profitable Alternative.

Ob ganz Japan je auf eine so hohe Recycling-Rate wie Kamikatsu in Tokushima kommt, ist fraglich. Es bleibt zu hoffen, dass andere Lösungen zur Bekämpfung des Plastikproblems entwickelt werden. Japanische Wissenschaftler haben zum Beispiel kürzlich ein Bakterium (Bakterium Ideonella sakaiensis 201-F6) entdeckt, das Plastik „frisst“, genauer gesagt, die in PET-Flaschen enthaltene Verbindung Polyethylenterephthalat. Bisher funktioniert dies allerdings leider nur im Labor.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst im JAPANMARKT Nr. 2/2019.

Beitragsbild: NPO zero waste academy

Diagramm: Deutsche Industrie- und Handelskammer in Japan (JAPANMARKT Nr. 2/2019)