Wolfgang Kaster leitet seit 2015 die Geschäfte der japanischen Niederlassung des Chemiekonzerns Evonik. Obwohl der japanische Markt infolge des demografischen Wandels schrumpft, sieht Kaster im JAPANMARKT-Gespräch Wachstumschancen.

Das Interview führte Martin Kölling

 

 

JAPANMARKT: Wie wichtig ist Japan für Evonik global?

Wolfgang Kaster: Evonik Japan hat alles in allem etwa 450Mitarbeiter, und wir erzielen hier ungefähr fünf Prozent unseres Weltumsatzes. Damit ist das Land außerhalb Europas einer unserer größten Märkte und nach China der zweitgrößte Markt
in Asien.

JM: Wie ist Evonik in Japan aufgestellt?

Kaster: Wir haben eine starke Präsenz in Schlüsselmärkten. Komponenten für die Autoindustrie wie Schmieröle oder Kunststoffe sowie für die Elektronikindustrie machen die Hälfte unseres hiesigen Umsatzes aus. Aber wir stellen auch Komponenten für Farben und Beschichtungen sowie Zusätze für Lebensmittel und Kosmetik her.

JM: Gibt es für Sie viel Konkurrenz in Japan?

Kaster: Die Japaner haben nicht auf uns gewartet. Wir haben in fast allen Segmenten starke Wettbewerber. Oft sind sie sogar global unsere Konkurrenten.

JM: Welche Ursachen hat die starke Stellung Japans in Ihren Bereichen?

Kaster: Verantwortlich dafür ist Japans lange Wirtschaftsgeschichte. Das Land hat eine recht unabhängige Industriekultur entwickelt. Fast jede Chemikalie, die die Industrie braucht, wird auch in Japan hergestellt. Die Konzerne sind mit den Ansprüchen ihrer Kunden gewachsen. Und die zahlten ordentlich für hohe Qualität. Für viele Jahrzehnte war das eine gut geschmierte Maschine.

JM: In dem Fall ist es sicherlich schwer, den japanischen Markt zu erschließen.

Kaster: Der Wettbewerb ist sicherlich hart. Aber das hat auch etwas Positives: Der Markt ist hochentwickelt. Daher passen wir mit unseren hochpreisigen Produkten gut in dieses Umfeld. In Schwellenländern ist es schwieriger, Evonik-Produkte zu platzieren.

JM: Aber bedeutet der hohe Entwicklungsstand nicht auch, dass Sie einen immer höheren Aufwand für immer weniger Fortschritt betreiben müssen?

Kaster: Der Aufwand wird tatsächlich immer höher. Und gerade hier in Japan muss man aufpassen, dass einem die Kosten nicht davonlaufen. Denn hier wird oft noch viel Over-Engineering betrieben. Wenn zum Beispiel ein Fass außen einen Kratzer hat, kann das zu Reklamationen führen. Der Lack von Fässern ist hier manchmal besser als der von Autos in Indien. Und das ist nicht die einzige lokale Besonderheit.

JM: Gibt es noch weitere Herausforderungen?

Kaster: Allerdings. Die Kunden hier verlangen kleine Losgrößen, da sich viele Unternehmen kein Lager leisten. Wir müssen daher viel öfter liefern als in Deutschland. Eine weitere Herausforderung ist die Personalsuche. Gut ausgebildete Leute mit guten Englischkenntnissen zu finden, wird täglich immer schwieriger. Wir machen allerdings die Erfahrung, dass wir zuletzt immer häufiger Frauen einstellen, da sie oft besser qualifiziert sind als die männlichen Mitbewerber.

JM: Wie entwickelt sich der Markt?

Kaster: Die Bevölkerung schrumpft bereits. Daher wächst auch der Gesamtmarkt kaum noch. Während es in China noch immer einen Grundrückenwind gibt, müssen wir uns hier Nischen suchen, die schneller wachsen, oder durch besseren Service in neue Märkte expandieren.

JM: Und wie sieht es mit dem Trend in der Autoindustrie aus, immer stärker auf Elektroantriebe zu setzen? Gefährdet dieser Technologiesprung nicht Ihre Stellung in einem Ihrer wichtigsten Absatzmärkte?

Kaster: Bei Autos geht es um sehr viel mehr als das Schmieröl im Motorblock. Nicht so bekannt ist, dass die Elektromotoren Kühlung brauchen. Da werden wir versuchen, unsere Marktführerschaft zu wiederholen. Gleichzeitig sehen wir ein großes neues Potenzial bei Windkraftanlagen. Dort werden hochqualitative Öle verlangt, weil die Schmiermittel über die Lebenszeit der Generatoren so gut wie nie gewechselt werden. Auch in Japan steht die Windkraft vor dem Durchbruch. Die Hydraulik von Robotern ist ein weiterer Zukunftsmarkt. Außerdem profitieren wir vom technischen Wandel in Japans Autoindustrie.

JM: In welchen Bereichen?

Kaster: Wir stellen Polyamid 12 her, das für mehrschichtige Ölleitungen verwendet wird und in Europa bereits Stahlleitungen ersetzt hat. Die japanischen Hersteller vollziehen diesen Übergang von Stahl- zu Kunststoffleitungen aber erst jetzt. Hier können wir eine ausgereifte Technik nach Japan bringen. Und die Hersteller wissen, dass sie funktioniert.

JM: Damit sind Sie ja schon auf die Chancen zu sprechen gekommen. Wo sehen Sie weiteres Wachstum?

Kaster: Viele unserer Wettbewerber sind nur in Japan stark, da sie nicht mit ihren Kunden in die Welt hinausgegangen sind. Für Unternehmen, die am Wachstum in anderen Teilen der Welt teilhaben wollen, sind wir daher der richtige Partner.

JM: Wie wirkt sich das auf Ihre lokale Organisation aus?

Kaster: Wir sind nicht nur im Vertrieb tätig, sondern auch als Kooperationspartner. Wir haben hier mehrere Labore für die Anpassung von Produkten. Damit spielen wir hier Pingpong mit den Entwicklungsabteilungen unserer Großkunden. Da wir vor Ort sind, können wir eine weitaus höhere Schlagzahl vorlegen, als wenn wir das über ausländische Niederlassungen spielen würden.

JM: Und hilft das Ihrer globalen Produktentwicklung?

Kaster: Sicher. Wir entwickeln hier Produkte, die dann häufig global zum Einsatz kommen.

JM: Wie sieht es mit neuen asiatischen Herausforderern aus?

Kaster: Es gibt nur wenige südkoreanische Unternehmen, die in Japan in unseren Bereichen aktiv sind. Außerhalb Japans gibt es aber Konglomerate, die in einigen Bereichen wettbewerbsfähig sind und sich auch weiter verbessern.

JM: Wie steht es um chinesische Rivalen?

Kaster: In China gibt es derzeit mehr Rückschläge als Fortschritte. Viele Unternehmen werden geschlossen, entweder weil sie Umweltauflagen nicht erfüllen, oder weil ausländische Konzerne Fabriken aus China abziehen. Der geringere Wettbewerb erzeugt derzeit etwas Rückenwind für uns in China. Aber wir dürfen uns nicht ausruhen. Denn sobald die Chinesen ihren Ruf, ihre Qualität und die Liefersicherheit stabilisieren, werden sie noch stärkere Wettbewerber werden.

JM: Wird Japan mithalten können?

Kaster: Ich habe Hoffnung für Japan. Zum einen sehen viele Unternehmen, dass Japan nicht mehr groß genug ist und ihre Insellösungen global nicht so gut funktionieren. Sie verändern sich. Darüber hinaus gibt es neben der Erwerbstätigkeit von Frauen noch große Potenziale, die Effizienz und die Produktivität zu erhöhen.

JM: Herr Kaster, wir danken für dieses Gespräch.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst im JAPANMARKT Nr. 3/2019.

Bild: Martin Kölling