SGL Carbon in Japan: Der deutsche Hersteller von Faserverbundwerkstoffen und Spezialgraphiten trifft in Japan auf seine weltweit schärfsten Rivalen. Doch genau darin liegt die Chance, erklärt Japan-Chef Markus Baron.

Von Martin Kölling

 

In der Eingangshalle von SGL CARBON in Tokio wird Werkstoff zu Kunst. Die Rezeption des deutschen Kohlenstoffexperten schmückt eine schwarze Platte mit ausgestanzten Mustern. Leichter und stärker als Stahl, besteht sie aus Carbonfaser- Verbundwerkstoff, wie er in der Auto- oder Flugzeugindustrie Leichtbau ermöglicht. In die linke obere Ecke des Lochbildes hat das Unternehmen das Firmenlogo mit seinem prägnanten Sechseck gestanzt. Es symbolisiert die Struktur eines Kohlenstoffmoleküls und damit die Basis des Unternehmenserfolgs.

Es ist keine große Niederlassung, die Japan-Chef Markus Baron hier im Mutterland der mächtigen japanischen Rivalen Toray, Teijin, Tokai Carbon, Toyo Tanso und Mitsubishi Chemical verwaltet. Gerade 50 Angestellte beschäftigt SGL CARBON in Japan, etwa 5.100 weltweit. Aber die Bedeutung der japanischen Dependance für den Gesamtkonzern sei dennoch beträchtlich, erklärt der Fachmann.

Der Verkauf von Carbonfasern und Verbundwerkstoffen, der SGL CARBON in Deutschland zu großer Anerkennung in der Autoindustrie und der Öffentlichkeit verholfen hat, spielt in Japan dabei noch nicht die größte Rolle. Japan ist jedoch dank seiner Stärke in der Materialwissenschaft im Allgemeinen und bei Carbonfasern im Besonderen ein elementarer Bestandteil der globalen Lieferkette des Unternehmens.

Darüber hinaus spielt der Aufbau der Industrie eine Rolle. „Die Präsenz hier ist für uns auch wichtig, weil es in Japan viele exzellente Unternehmen gibt, die für uns Wettbewerber und Partner sind“, ergänzt der Experte. Während es in Deutschland zwei und in den USA und Frankreich je einen Graphitanbieter gibt, bietet Japan gleich fünf auf. „Japaner schaffen es immer wieder, Nischen zu dominieren“, erkennt der Manager an.

In Hiroshima stellt SGL CARBON als Minderheitseigner eines Joint Ventures mit Mitsubishi Chemical den Rohstoff her, der für die Herstellung von Carbonfasern verwendet wird. „Hier in Japan gibt es langjährige Erfahrung und fundamentales Knowhow“, begründet Baron die Partnerschaft. Von Japan wird das „Precursor“ genannte Material dann in die USA verschifft, wo wegen der preiswerten Stromkosten basierend auf erneuerbaren Energiequellen die Carbonfasern hergestellt werden. Diese landen dann letztlich zumeist in der Herstellung von Verbundwerkstoffen in Europa.

Doch darüber hinaus ist Japan auch als Markt interessant. Den größten Teil seines Umsatzes erzielt SGL CARBON dort mit einem Material, das sich seit mehr als 100 Jahren kaum verändert hat: Graphit. Bleistifte spielen allerdings keine Rolle mehr. Die großen Abnehmer sind heute die Hersteller von Wafern, aus denen Halbleiter gefertigt werden, sowie die Hersteller von Lithium-Ionen-Batterien. In diesen wird Graphit in der Anode der Akkus verwendet. Und da man davon ausgeht, dass der Einsatz von Chips für autonome Autos und Akkus für Elektromobile in den kommenden Jahren explodieren wird, rechnet Baron weiter mit steigenden Umsätzen.

Allerdings gerät das bisherige Geschäftsmodell der japanischen Kunden immer stärker unter Druck. Früher konnten es sich die Japaner leisten, sich auf den Binnenmarkt zu konzentrieren, und das Ausland über Japans große Handelshäuser abzudecken. Aber dank staatlicher Hilfe wachsen chinesische Rivalen rasant. „Die Japaner laufen Gefahr, verdrängt zu werden“, warnt Baron. Japanische Unternehmen müssten aktiver werden.

Mit Verbundwerkstoffen, wie sie in Europa und zunehmend in Nordamerika erfolgreich sind, kann SGL CARBON in Japan noch nicht so punkten. Das liegt nicht nur an der Stärke der Lokalmatadoren, sondern auch an Unternehmensstrategien. Die drei japanischen Riesen Toray, Teijin und Mitsubishi Chemical sind auf die Flugzeugindustrie konzentriert, der deutsche Werkstoffhersteller auf Autos. „Wir haben es dank unserer frühen Partnerschaft mit BMW geschafft, unsere Produkte prominent zu platzieren“, erklärt Baron. Nur hilft ihm diese Vorreiterstellung wenig für sein Verantwortungsgebiet Japan, wo Toyota, Honda, Nissan & Co. oft länger als die deutschen Hersteller an bewährten Materialien festhalten, anstatt auf Carbonfasern zu setzen.

Bisher können sich das die japanischen Autobauer leisten. Denn die einheimischen Aluminium- und Stahlhersteller sind sehr innovativ und verkleinern den Gewichtsvorteil der teureren Carbonfasern. „Wir kommen daher in Japan nicht ganz so schnell voran, wie wir gerne wollten“, sagt der Manager. Stattdessen muss das Vertriebsteam viel Überzeugungsarbeit in den Entwicklungsabteilungen japanischer Autobauer leisten.

Aber Baron ist überzeugt, dass auch die Japaner künftig mehr Carbonfaser-Verbundwerkstoffe nutzen werden. Der Einsatz werde aber nicht so umfassend sein, wie man beim Carbonfaser- Hype vor zehn Jahren hoffte. „Verschiedene Materialien
werden koexistieren“, so der Manager. Doch auch damit bietet sich SGL CARBON endlich ein Einfallstor in die japanische
Autoindustrie. „Wir versuchen, wichtige Kunden zu akquirieren,“ sagt Baron. „Ich sehe gute Chancen, da wir (in der Autoindustrie) unter den Top drei sind, und Lösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette von der Carbonfaser bis zum fertigen Bauteil bieten.“

 

Dieser Beitrag erschien zuerst im JAPANMARKT Nr. 3/2019.

Bild: Martin Kölling