Tokio (JAPANMARKT) – Vier Tage nach dem Taifun sind über zehntausend Haushalte weiter ohne Strom. Ein Grund sind die oberirdischen Leitungen, die Katastrophen nicht standhalten.

Oberirdische Kabel

Was ist einer der größten Unterschiede zwischen japanischen und deutschen Straßen? Das Wirrwarr aus zahllosen Stromkabeln an langen Betonmasten mit dicken Transformatoren. In den Grossstädten von anderen Industrieländern liegen Stromkabel fast ausnahmslos unter der Erde. Aber in Tokio ist dies nur in acht Prozent der Strassen der Fall.

Im übrigen Japan tragen 35 Millionen Masten die Stromleitungen zu den Häusern. Die Rechnung erhält das Land bei Katastrophen. Im Fall von Erdbeben, Taifunen, Schlammlawinen und Erdrutschen stürzen die Masten schnell um. Die Versorgung mit Elektrizität bricht daher oft zusammen, zudem drohen tödliche Stromschläge, vor allem bei Feuchtigkeit.

Historische Ursache

Längst haben die Behörden diesen Irrweg eingesehen. Aber eine Verlegung der Kabel in den Boden kostet pro Kilometer bis zu 4,5 Millionen Euro. Ein Grund: Die Wasserwerke, Gasversorger und Telefongesellschaften haben ohne Absprache untereinander eigene Kabel und Rohre in den Untergrund gelegt, daher lässt sich ein weiteres Kabel nur mit viel Aufwand verlegen.

Die Ursache liegt in der Vergangenheit: Beim Wiederaufbau der niedergebrannten Städte nach dem Zweiten Weltkrieg sparte man sich die teuren unterirdischen Kabel, seitdem hält man aus Kostengründen an den Strommasten in den Straßen fest. Zudem lebt eine ganze Industrie davon, vom Hersteller der Betonmasten bis zu den Serviceunternehmen mit Kranwagen. An einer Abkehr von der bisherigen Politik ist diese Industrie natürlich nicht interessiert.

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