Gleich neben der japanischen Hauptstadt liegt eine Präfektur, die viele nur als Schlafplatz nutzen, um von dort nach Tokio zu pendeln. Dabei hat Saitama viel zu bieten – Natur und Sportstätten, günstige Industriebedingungen sowie beeindruckende Architektur.

Von Sonja Blaschke

 

Saitama, eine Nachbarpräfektur der Hauptstadt Tokio, ist in Japan dafür bekannt, was sie nicht hat – nämlich Zugang zum Meer. Sie ist eine von nur einer Handvoll Binnenpräfekturen. Trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer Nähe zu Tokio – mit dem Zug je nach Ort in 30 Minuten erreichbar – wird Saitama von Reisenden zu Unrecht häufig übersehen.

Diesen Herbst hat die Präfektur nordwestlich von Tokio jedoch die Chance, verstärkt auf sich aufmerksam zu machen und ihr Profil zu schärfen. Die Stadt Kumagaya wurde als eine von zwölf Veranstaltungsstätten der Rugby-Weltmeisterschaft vom 20. September bis 2. November ausgewählt. Am 24. September treten dort Russland und Samoa gegeneinander an, am 29. September Georgien und Uruguay und am 9. Oktober Argentinien und die USA.

Dass die Wahl auf Saitama fiel, ist naheliegend: Sport spielt dort generell eine große Rolle, egal ob in der Natur, zum Beispiel beim Rafting im Chichibu-Nationalpark, oder in großen Sportstadien wie in Kumagaya, in der Saitama Super Arena, wo bei den Olympischen Spielen 2020 die Basketball-Wettbewerbe ausgetragen werden, oder im Saitama Stadium. Dort ist Heimat von Urawa Red Diamonds, einer der erfolgreichsten Fußballvereine der J1 League, der höchsten japanischen Liga.

Wenn die Bewohner von Saitama nicht gerade Sport treiben, pendeln viele nach Tokio, um dort zu arbeiten oder die Universität zu besuchen. Umgekehrt haben sich aber auch internationale Unternehmen im günstigeren Saitama niedergelassen, vor allem in der gleichnamigen Hauptstadt. Dazu gehört zum Beispiel der deutsche Hersteller von Schaltgeräten, Nihon steute. Insgesamt sind dort rund 2.900 herstellende Betriebe tätig.

 

 

Ein Schwerpunkt liegt dabei auf einem Cluster von Fabrikanten medizinischer Ausrüstung, zum Beispiel Shin-Etsu Polymer und Asahi Rubber. Die Stadt unterstützt den Markteintritt beziehungsweise die Expansion in diesen Bereich sowie die einschlägige Forschung und Entwicklung. Der Bereich Laser-Photonik ist einer der Schwerpunkte des „Saitama City Medical Manufacturing Plan“.

Außerdem haben sich dort Hersteller von Präzisionsmaschinen angesiedelt, darunter Unternehmen, die optische Instrumente und Linsen produzieren, zum Beispiel Tamron und Fujifilm. Gemessen am gesamten japanischen Markt kommen die in Saitama-Stadt hergestellten optischen Geräte und Linsen auf einen Anteil von gut über einem Zehntel. Das Shibaura Institute of Technology und das naturwissenschaftliche Institut RIKEN unterhalten in Saitama Forschungseinrichtungen.

Saitamas Mangel, wenn es um den Zugang zum Meer geht, wird ausgeglichen durch reiche Flussverbindungen durch die Präfektur. In der Vergangenheit führte dies allerdings während der Taifun-Saison zu schlimmen Überschwemmungen. In Saitama ist jedoch inzwischen eine der weltgrößten unterirdischen Anlagen zur Ableitung von Flutwasser. Von drei kleinen und mittleren Flüssen wird Wasser über 6,3 Kilometer lange Tunnel in den großen Edogawa umgeleitet. „G-Cans“ hat man das Megabauwerk im Wert von umgerechnet über 2,3 Milliarden Euro auf Englisch getauft. Sein offizieller Name lautet Shutoken Gaikaku Hosuiro, auf Deutsch etwa „äußerer Entwässerungskanal der Hauptstadt“. 1993 begannen die Bauarbeiten und wurden 2006 abgeschlossen; seither sind Flutschäden in der Region stark reduziert.

Touristen können die Meisterleistung der Ingenieurskunst mit geführten Touren – bisher allerdings nur auf Japanisch – besuchen. Das ist selbst bei sprachlichen Hürden ein visuell beeindruckendes Erlebnis. Ein unterirdisches Überlaufbecken in einer hohen, geschickt beleuchteten Halle mit Dutzenden von dicken Säulen erinnert Besucher dabei häufig an die Konstruktion von Kathedralen. Die einzigartige Anlage ist ein weiterer guter Grund, Saitama bei der Reiseplanung nicht links liegen zu lassen.

 

 

Dieser Beitrag erschien zuerst im JAPANMARKT Nr. 3/2019.

Bild: Sonja Blaschke

Diagramme: Deutsche Industrie- und Handelskammer in Japan (JAPANMARKT Nr. 3/2019)